Dienstag, 28. Juli 2015




Wahrheit im Schnee

Eine kleine Geschichte von Maria Reinecke

in Zusammenhang mit Post 'Logischer Empirismus' und 'Tarskis Wahrheitsbegriff'


 
Es schneit. Und schneit. Märchenhaft. Tage, an denen die Welt verzaubert scheint. Anne und Marie gehen mit dem kleinen Johannes im Tiergarten spazieren. Heerscharen von Schneeflocken taumeln aus den schweren Wolken herab, kommen grau aus dem milchigen Himmel angeflogen, legen sich blendend weiß auf alles, was dunkel ist; machen still, was sonst zu laut.
"Ich liebe Schnee!", ruft Anne begeistert aus und lässt sich in die sanfte Masse hineinfallen, Arme und Beine weit von sich gestreckt, die Augen geschlossen; dicke Flocken bedecken ihr Gesicht, zergehen auf ihren Lippen.
„Du wirst ja ganz nass“, sagt Marie.
„Ach, Marie!... Wenn auch nichts auf dieser Welt wahr ist, Schnee ist weiß: das ist wenigstens wahr, nicht wahr?“, seufzt Anne, greift in die glitzernde Pracht neben sich, reibt sich Stirn und Wangen damit ein.
„Gar nicht so einfach, die Sache mit der Wahrheit, nicht einmal mit der des Schnees“, erwidert Marie lächelnd.
"Du meinst, es gibt keine Wahrheit?“ Anne steht langsam auf, schüttelt den Schnee von ihren Sachen.
"Die Wahrheitsfrage führt auf jeden Fall zu erkenntnistheoretischen Problemen, die ziemlich unbequem sind", antwortet Marie, hakt sich bei der Freundin ein und beginnt von den Wiener Philosophen zu erzählen, die in den Dreißiger Jahren jegliche Beschäftigung mit metaphysischen Fragen als verzichtbaren Unsinn verwarfen. 

"Um die Wahrheitsfrage kamen jedoch auch diese Herren nicht ganz herum; immerhin mussten sie der Königin der Logik  über ein semantisches Hintertreppchen doch noch irgendwie Einlass gewähren in die philosophischen Hallen."
Anne bleibt stehen. 

“Ich versteh’ das nicht. Schnee ist weiß, wo ist das Problem?“
"Ob Schnee weiß ist, interessiert die modernen Empiristen gar nicht; für sie gilt nur eine widerspruchsfreie, klare Definition."
"Aber ‚Schnee ist weiß’ ist doch klar und widerspruchsfrei“, murmelt Anne vor sich hin und versucht, mit einem Schneeball die Laterne zu treffen.
"Nein", Maria lächelt, "eine formal unantastbare Aussage entsteht erst durch einen meta-sprachlichen Trick, so dass es heißt: Die Aussage 'Schnee ist weiß' ist wahr genau dann WENN Schnee weiß ist. Ob Schnee aber wirklich weiß ist, spielt dabei keine Rolle...“
Der kleine Johannes kommt mit seinem Schlitten angerannt, wirft sich in Maries Arme und jubelt:
„Mama, Mama, der Schnee macht alles gaaanz weiß!“
Die Freundinnen lachen, nehmen Johannes in die Mitte und laufen mit ihm querfeldein durch den weißen, glitzernden, schneeweißen Schnee.


Maria Reinecke, Berlin 2009
www.maria-reinecke.de

Sonntag, 8. März 2015





Mathematik als Erkenntnis-Zwischenraum bei Platon

Sextus Empiricus: „Über das Gute“ bei Platon.



Mathematik und Geometrie spielen in Platons Lehre eine grundlegende Rolle. Wesentliches blieb jedoch ungeschrieben und wurde als esoterische Geheimlehre nur an Eingeweihte seiner Akademie weitergegeben. Platon war überzeugt, dass Philosophie, wahre Erkenntnis, nur in lebendigem Gespräch erlebt und vermittelt werden könne. So sind wir bei seiner Lehre "Über das Gute" auf die spätere Darstellung von Sextus Empiricus angewiesen, einem Skeptiker und Arzt aus der Schule Pyrrhons um 200 n. Chr.

Platon setzt bekanntermaßen der unsteten, trügerischen empirischen Welt der Erscheinungen die reine, noetische Erkenntnis gegenüber. Werte werden dabei nicht, wie der Sophist Georgias meint, an der Nützlichkeit für den einzelnen gemessen, auch nicht an der tradierten Norm, sondern an der reinen Erkenntnis. Es ist das sokratische Bewusstsein der eigenen Innerlichkeit, das dem Menschen die Möglichkeit wahrer Erkenntnis liefert.

Das ist nicht nur akademisch zu verstehen. Wahre Erkenntnis zielt hier vielmehr auf das eigentlich Seiende, auf das wirklich Gültige; wahre Erkenntnis ist gut, weil man nur durch sie wahre Werte erkennen und das Richtige wollen und tun kann. Ohne diese Erkenntnis kann man nicht wollen, was man tut.

Der Mensch befindet sich nach Platon zwischen zwei Welten; er steht zwischen der trügerischen, sinnlich wahrnehmbaren Welt der Erscheinungen und dem unwandelbar gültigen Reich der Ideen. Die grundlegende Frage lautet daher für ihn: Wie kann der Mensch in diesem Dazwischen zur Erkenntnis und damit Teilhabe (Methexis) an dem eigentlich Seienden, ewig Geltenden, Gültigen und damit Gutem gelangen?

Platon ist leidenschaftlich davon überzeugt, dass mathematisch-geometrische Erkenntnis den Schlüssel für das Geheimnis des Gesamtzusammenhanges beider Welten liefert. Die Mathematik repräsentiert für ihn das Seiende und ist somit wahr, wie auch das Wahre seiend ist. Methodisch-philosophisch wird bei ihm die Mathematik zum Bindeglied zwischen empirischer Erfahrung und rein noetischer Erkenntnis, also zwischen sinnlicher Wahrnehmung und vernunftgemäßem Denken. Die Mathematik/Geometrie fungiert somit als eine Art Zwischenraum, der beide Bereiche verbindet und zwischen ihnen zu vermitteln vermag.
Bei der Entwicklung des Lehrvortrages „Über das Gute“ sind mathematisch-geometrische Größen wesentlich konstitutiv: Das Rechteck z.B. als variable, ungleichmäßige Figur entspricht bei Platon der Irrationalität der Welt der Erscheinungen. Das Quadrat als gleichmäßige Größe dagegen steht für das Rationale der reinen Erkenntnissphäre. Die grundsätzliche Frage lautet für Platon nun: Wie kann eine irrationale Größe teilhaben an einer rationalen Größe?

Die Lösung ergibt sich aus dem Teilungsverhältnis nach Art des ‚Goldenen Schnitts’, d.h.: eine Gesamtstrecke a wird in zwei Teilstrecken b und a - b unterteilt, und zwar genau so, dass sie sich proportional zueinander verhalten, d.h. die Gesamtstrecke a sich zur größeren  Teilstrecke b verhält wie diese zur kleineren Teilstrecke a - b,
also a: b = b : (a – b).

(Der ‚Goldene Schnitt’: Die Zahl φ (phi), gebildet aus 1+ Wurzel aus 5 : 2, steht für das besondere Teilungsverhältnis des Goldenen Schnitts und lautet 1,618033989... Prozentual ausgedrückt, beträgt beim Goldenen Schnitt die größere Teilstrecke 61,8 % der Gesamtstrecke und die kleinere Teilstrecke 38,2 %. Beispiel: Bei einer Gesamtstrecke von a = 6 cm müssen die Teilstrecken b = 3,7082 cm und  a - b = 2,2918 cm betragen, damit der ‚Goldene Schnitt’ erfüllt ist.)

Was bedeutet das in Zusammenhang mit Platons Lehre?
Die Teilstrecken  b und (a – b) einer Gesamtstrecke a sind normalerweise unendlich variabel und somit im platonischen Sinne irrationale Größen, während a immer eine verlässliche, feststehende Größe ist, also rational. Die Frage lautet also: Wie kann das Irrationale b und (a-b) am Rationalen a teilhaben?
Lösung: Platon konstruiert durch einfache Flächenanlegung unter Berücksichtigung des idealen Teilungsverhältnisses über a ein Quadrat (a²) und über a und b ein großes Rechteck (a x b), das im überschießenden Teil auch noch das Quadrat über b (b²) beinhaltet. Diese beiden Figuren sind jetzt flächengleich: a² = b² + ab.

Das bedeutet für Platon: das Rechteck, das normalerweise eine variable Größe ist, hat durch geometrische Mittelbildung teil an der Gleichmäßigkeit des Quadrats.
Auf die Erkenntnismöglichkeit bezogen sieht er darin bestätigt, dass der Mensch, obwohl er in der Welt der Erscheinungen, des Irrationalen, Bedingten und Variablen lebt, teil haben kann am Rationalen, Unbedingten, Feststehenden und damit Guten.


Maria Reinecke, Berlin
www.maria-reinecke.de

s. folgende Posts: 
- Logischer Empirismus, Tarski und die Wahrheitsfrage.
- Die Frage nach der Wahrheit bei Kant   etc.
 

Samstag, 6. Oktober 2012

Logischer Empirismus, Tarski, Wahrheit im Schnee, Metaphysik



                                                Maria Reinecke, Berlin



I.   Der Logische Empirismus und die Frage nach der Wahrheit

      1. Was der Logische Empirismus aus der Wahrheitsfrage macht.

      2. Tarskis semantischer Lösungsversuch der Wahrheitsproblematik innerhalb der Logik.

II.  "Wahrheit im Schnee" - Eine kleine Geschichte (M.R.)

III. Was ist Metaphysik - und wozu soll sie nützlich sein?



I. Der Logische Empirismus

Teil 1: Was der Logische Empirismus aus der Wahrheitsfrage macht

Der Logische Empirismus (Wiener Kreis um 1930) lehnt metaphysische Fragestellungen, Aussagen, Begrifflichkeiten ab, verwirft sie insgesamt als verzichtbaren Unsinn. Rudolf Carnap, der als der begabteste und originellste Angehörige des Kreises gilt (Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie)  illustriert seine Überzeugung in einem Gedankenspiel mit dem Wort „babig“, indem er die Dinge in „babige“ und "nicht-babige“ einteilt; fragt nun jemand, was er damit meine, könne er das natürlich nicht beantworten, denn es handle sich um ein sinnloses Wort;  genau so verhielte es sich mit metaphysischen Begrifflichkeiten, die weder logisch  begründbar seien noch einen bewährten Erfahrungswert hätten, meint Carnap. In Anlehnung an die Mathematik und die empirischen Einzeldisziplinen der Naturwissenschaften fordert er daher auch für die Philosophie eine Wissenschaftslogik, in der nur Semantik und Überprüfbarkeit, Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit von Aussagen gelten. Es sollen nur intersubjektive, nachprüfbare Aussagen verwendet werden; Begriffe sollen allgemein verständlich sein, Sprache insgesamt soll exakt formuliert werden, Mehrdeutigkeiten vermieden werden.
Um den vielschichtigen, letztlich metaphysischen Wahrheitsbegriff kommen jedoch auch die Logischen Empiristen nicht ganz herum. Der polnische Mathematiker und Logiker Alfred Tarski bietet ihnen den gewünschten Wahrheitsbegriff in seiner semantischen Konzeption der Wahrheit. Darin entledigt sich Tarski der ganzen Wahrheits-Problematik, indem er das Prädikat „wahr“ nur auf Aussagen bezieht, nicht auf „psychologische Phänomene wie Urteile oder Überzeugungen“ (Tarski). Er betont dabei zwar den Zusammenhang seiner Auffassung von dem Begriff „wahr“ mit der klassischen aristotelischen Konzeption der Wahrheit, die da lautet: „Von etwas, das ist, zu sagen, dass es nicht ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es ist, ist falsch – während von etwas, das ist, zu sagen, dass es ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es nicht ist, wahr ist“*) - verwirft sie aber als zu vage.

*)Hier liegt der Grundstein für den korrespondenz-theoretischen Ansatz, dass die Wahrheit einer Aussage in ihrer Übereinstimmung mit der Wirklichkeit besteht oder dass eine Aussage wahr ist, wenn sie einen existierenden Sachverhalt bezeichnet.



Teil 2: Tarskis semantischer Lösungsversuch der Wahrheitsproblematik innerhalb der Logik

Durch die Einführung einer formalisierten Sprache mit strikter Trennung von Objekt- und Metasprache entwirft Tarski eine neue, eindeutige, unmissverständliche Formulierung des Begriffs „wahr“.
Er geht z.B. von der einfachen Aussage aus: „Schnee ist weiß“ und fragt: "Ist diese Aussage wahr?"
Da nach Tarski das Prädikat „wahr“ nur auf Aussagen angewendet werden kann (und nicht auf Urteile und Überzeugungen), Aussagen aber immer auf eine bestimmte Sprache bezogen sind, der sog. Objektsprache, bedarf es einer Metasprache, um die Beziehung zu einer ausgesagten Tatsache herzustellen. Die Objektsprache ist dabei die Sprache, über die gesprochen wird, und die Metasprache ist die Sprache, mit der über die Objektsprache gesprochen wird.
 

So entwickelt Tarski eine metasprachliche logische Äquivalenz, bei der die Aussage, auf die sich das Wahrheitsprädikat bezieht, auf der rechten Seite steht und der Name der Aussage in Anführungszeichen auf der linken Seite; denn das als "wahr" zu Bezeichnende muss grammatikalisch Subjekt des Satzes sein und als Substantiv bzw. als Name auftreten, da mit der Aussage selber keine Aussage gemacht werden kann, nur mit dem Namen der Aussage. Ferner muss der allgemein logische Term „genau dann wenn“ darin vorkommen. Es entsteht also die Äquivalenz:                
                     Die Aussage „Schnee ist weiß“ ist wahr genau dann wenn Schnee weiß ist.
Verallgemeinert hieße das, wenn für die Aussage, dass Schnee weiß ist p steht und für den Namen der Aussage X:
                                        (T) X ist wahr genau dann wenn p,
d.h. alle Äquivalenzen der Form (T) können behauptet werden und folgen aus ihr. 

Es handelt sich um eine angemessene Definition des Terms „wahr“ – nicht im allgemeinen Sinn, sondern jeweils durch Ersetzen von p und X durch bestimmte Aussagen bzw. Namen der Aussagen nur um Teil-Definitionen. Eine allgemeine Definition von „wahr“ wäre nach Tarski eine logische Konjunktion aller einzelnen Definitionen, also unendlich vieler Aussagen. (Die „Diallele der Unbestimmtheit“, wie Kant sie in seiner Transzendentalen Logik erwähnt, würde hierbei umgangen werden)

Tatsächlich gewährleistet die Äquivalenz der Form (T) eine antinomienfreie Handhabung des Prädikats „wahr“. Die Frage nach inhaltlicher Wahrheit wird dabei natürlich nicht einmal berührt. Ob Schnee wirklich weiß ist, interessiert Tarski nicht. In seinen eigenen kritischen Bemerkungen geht er auf diesen Einwand ein: „In Wirklichkeit impliziert die semantische Definition der Wahrheit keine Bedingungen, unter denen eine Aussage wie ‚Schnee ist weiß’ behauptet werden kann.“ In der Äquivalenz macht das konditionale "wenn p" auch deutlich, dass der eigentliche Wahrheitsanspruch umgangen wird, denn es heißt ja nicht „dass p“.

Gemäß Kant zeigt Tarski „Klugheit und Einsicht“, wenn er als Logiker die Frage nach objektiver Wahrheit einer Aussage gar nicht erst stellt, sondern sich darauf beschränkt, der Wissenschaft durch seine semantische Konzeption einen problemlosen, formalen Gebrauch des Prädikats „wahr“ zu ermöglichen.
Mit Recht nimmt Tarski sogar an, dass auch Aristoteles seiner Form der Äquivalenz zugestimmt hätte. 
Doch was hätte Aristoteles wohl zu dem Satz gesagt: 
                         Die Aussage „Schnee ist rot“ ist wahr genau dann wenn Schnee rot ist? 
Ob er trotz der logischen Eindeutigkeit nicht doch nach den Ursachen des Rots im Schnee gefragt, geforscht hätte? Für Tarski ist das kein Problem, egal, ob der Schnee durch Blut oder Ketchup rot verfärbt ist oder bläulich im Reklamelicht glänzt. Für ihn gilt nur der Satz als „Laut- oder Schriftgebilde, nicht dessen Sinn, das Urteil“, sagt Tugendhat in seinem Aufsatz „Tarskis semantische Definition der Wahrheit“, 1960.

Aber was ist denn nun mit der Wahrheit?

Wart's ab. Für heute erst einmal Schluss.



II. "Wahrheit im Schnee" - eine kleine Geschichte (M.R.)

Es schneit. Und schneit. Märchenhaft. Tage, an denen die Welt verzaubert scheint. Anne und Marie gehen mit dem kleinen Johannes im Tiergarten spazieren. Heerscharen von Schneeflocken taumeln aus den schweren Wolken herab, kommen grau aus dem milchigen Himmel angeflogen, legen sich blendend weiß auf alles, was dunkel ist; machen still, was sonst zu laut.
"Ich liebe Schnee!", ruft Anne begeistert aus und lässt sich in die sanfte Masse hineinfallen, Arme und Beine weit von sich gestreckt, die Augen geschlossen; dicke Flocken bedecken ihr Gesicht, zergehen auf ihren Lippen.
„Du wirst ja ganz nass“, sagt Marie.
„Ach, Marie!... Wenn auch nichts auf dieser Welt wahr ist, Schnee ist weiß: das ist wenigstens wahr, nicht wahr?“, seufzt Anne, greift in die glitzernde Pracht neben sich, reibt sich Stirn und Wangen damit ein.
„Gar nicht so einfach, die Sache mit der Wahrheit, nicht einmal mit der des Schnees“, erwidert Marie lächelnd.
"Du meinst, es gibt keine Wahrheit?“ Anne steht langsam auf, schüttelt den Schnee von den Sachen.
"Die Wahrheitsfrage führt auf jeden Fall zu erkenntnistheoretischen Problemen, die ziemlich unbequem sind", antwortet Marie, hakt sich bei der Freundin ein und beginnt von den Wiener Philosophen zu erzählen, die in den Dreißiger Jahren jegliche Beschäftigung mit metaphysischen Fragen als verzichtbaren Unsinn verwarfen. "Um die Wahrheitsfrage kamen jedoch auch diese Herren nicht ganz herum; immerhin mussten sie der Königin der Logik  über ein semantisches Hintertreppchen doch noch irgendwie Einlass gewähren in die philosophischen Hallen."
Anne bleibt stehen. “Ich versteh’ das nicht. Schnee ist weiß, wo ist das Problem?“
"Ob Schnee weiß ist, interessiert diese modernen Empiristen gar nicht; für sie gilt nur eine widerspruchsfreie, klare Definition."
"Aber ‚Schnee ist weiß’ ist doch klar und widerspruchsfrei“, murmelt Anne vor sich hin und versucht, mit einem Schneeball die Laterne zu treffen.
"Nein, eine formal unantastbare Aussage entsteht erst durch einen meta-sprachlichen Trick, indem es heißt: Die Aussage 'Schnee ist weiß' ist wahr genau dann WENN Schnee weiß ist. Ob Schnee wirklich weiß ist, spielt dabei gar keine Rolle...“
Der kleine Johannes kommt mit seinem Schlitten angerannt, wirft sich in Maries Arme:
„Mama, Mama, der Schnee macht alles gaaanz weiß!“
Die Freundinnen lachen, nehmen Johannes in die Mitte und laufen mit ihm querfeldein durch den weißen, glitzernden, schneeweißen Schnee...   (Maria Reinecke, Berlin, www.maria-reinecke.de)





III.  Was ist Metaphysik - und wozu soll sie nützlich sein?

Die Metaphysikfeindlichkeit der Logischen Empiristen oder Positivisten oder wie die auch immer genannt werden, hast du nun genügend zum Ausdruck gebracht. Ich habe auch einigermaßen verstanden, dass der Tarskische Wahrheitsbegriff, so absurd er mir zunächst erschien, rein logisch seine Funktion offenbar voll erfüllt; aber was ist nun eigentlich mit der Metaphysik? Dir scheint Metaphysik ja  wichtig zu sein. Warum? Und was ist Metaphysik eigentlich?

Ich glaube tatsächlich, dass die Beschäftigung mit metaphysischen Fragen keine eitle intellektuelle Spielerei ist, sondern gebotene Disziplin des Denkens. Wie wir über das Leben, den Menschen, die Natur, über „Gott und die Welt“ denken, so leben wir auch. Unsere allgemeinen, vorgefassten Grundannahmen, unsere  (Welt-)Anschauungen - auch wenn jene uns nicht immer bewusst sind - beeinflussen unser ganzes Leben, bestimmen unsere Vorstellungen, Empfindungen, Wahrnehmungen, ja verhindern oder ermöglichen überhaupt erst das Zulassen, Gewahrwerden und Ernstnehmen bestimmter Wahrnehmungen, im Großen und im Kleinen: wir sehen, nehmen wahr, anerkennen letztlich nur, was wir bereits erwarten und zu wissen meinen; wir glauben, hoffen, sehnen uns letztlich nur nach dem, was wir im Vorfeld gewillt sind zuzulassen, zu akzeptieren, für möglich zu halten. 

Es lohnt sich, unsere still schweigend gemachten Grundannahmen immer wieder neu zu überdenken, zu überprüfen. Das geht nur auf Meta-Ebene. Darum Metaphysik.
Eine kleine Geschichte dazu:

"...Es war einmal ein Physiker, der die Welt gewissenhaft auf physikalische Weise zu erforschen suchte. Da geschah es eines schönen Sommertages, dass dieser ernsthafte und kluge Mann in seinem Garten stand, für Augenblicke nur da stand, und atmete und schaute. Der laue Wind strich ihm sanft über die Haut, die Blumen veräußerten verschwenderisch ihren Duft, schwelgten in ihrer Farbenpracht, die Vögel jubilierten, die Insekten schwirrten, summten um ihn herum, und das Ganze kam ihm vor wie ein einziger Tanz des gesamten Universums.
Der Wissenschaftler schloss die Augen. Die Zeit stand still, die Grenze zwischen ihm und dem, was ihn umgab, verschwamm, er hatte das Empfinden, eingebunden zu sein in einen überall wirkenden Zusammenhang, eins zu sein mit dem Kosmos!
Der kluge Mann hatte Ähnliches nur von Mystikern gehört.
-Was habe ich mit einem Mystiker zu tun?, dachte er bestürzt und fuhr fort, noch ernsthafter und gewissenhafter über alles nachzudenken. Und er kam zu dem Schluss, dass das, was er erlebt hatte, so in Wirklichkeit nicht sein konnte: es gab weder Licht noch Farben, weder Gerüche noch Vogelgesang; die ganze empfundene Welt existierte nur scheinbar. Stattdessen war die Erde bevölkert mit wenigen Elementen, die sich schwarz, kalt und lautlos bewegten und in eigenartiger Abhängigkeit voneinander standen, mal in flüchtiger, mal in fester Verbindung, an bestimmten Stellen mehr oder weniger zusammenhängend..., ja, davon war er jetzt überzeugt und schrieb ein neues Buch..." (aus dem Roman Das Leben liegt in den Zwischenräumen, Maria Reinecke, Aachen 2006) 

Der Physiker Ernst Mach, (1838 - 1916 ) schildert in seinem Werk „Analyse der Empfindung“ Ähnliches.  Er konnte aber das überwältigende, seine gesamten Erfahrungen sprengende Erlebnis mit seinem engen, materialistischen Weltbild nicht in Einklang bringen, es nicht einordnen; so hat ihn das Erlebte zwar bewegt, im Nachhinein auch sein Denken verändert, aber m.E. unzureichend...

Was Metaphysik nun eigentlich ist, vertagen wir auf morgen, okay?
Doch bevor Du gehst,  noch schnell ein Zitat von W. Heisenberg in diesem Zusammenhang. Er sagt:
"Mit der Forderung (der Positivisten oder Logischen Empiriker), äußerste Klarheit in allen Begriffen anzustreben, kann ich mich natürlich einverstanden erklären; aber das Verbot, über die allgemeineren 

Fragen nachzudenken, weil es dort keine in diesem Sinne klaren Begriffe gebe, will mir nicht einleuchten; denn bei einem solchen Verbot könnte man auch die Quantentheorie nicht verstehen." (Der Teil und das Ganze - Gespräche im Umkreis der Atomphysik)... 
Mit den "allgemeineren Fragen"  meint  Heisenberg natürlich die grenzüberschreitenden, also metaphysischen Fragen...

Hm..., dann bis morgen also!


Am nächsten Tag:

Was ist  Metaphysik, und wozu soll sie nützlich sein?, fragst du.
Der Begriff Metaphysik kommt bekanntermaßen aus dem Griechischen (meta ta physika) und bezeichnet ursprünglich jene Schriften des Aristoteles, die nach der Physik zu studieren waren. Gemäß Aristoteles sind die zunächst konkret erkennbaren Naturdinge das Physische (das Erkennbare), doch alles Physische basiert nach seiner Auffassung auf etwas Zugrundeliegendem: auf sog. ersten Prinzipien oder letzten Ursachen des Seienden. Darum nennt er seine metaphysischen Schriften "Erste Philosophie" - wobei „meta“ nicht mehr im Sinne von „nach“, sondern von „jenseits“ zu verstehen ist.
Die Metaphysik ist seitdem eine Grunddisziplin der Philosophie, in der alle großen Bereiche und Gesetzlichkeiten der Wirklichkeit thematisiert werden und das Unveränderliche, Bleibende im Wechsel der Erscheinungen gesucht wird. 
Eine grobe Übersicht darüber, was überhaupt zur Metaphysik gehört, kann Orientierungshilfe sein: (nach Schischkoff)

1.
Die Metaphysik gliedert sich in die Lehre vom/von der:
-Sein (Ontologie)
-Wesen der Welt (Kosmologie)
-Menschen (philosophische Anthropologie, Existenz-Philosophie)
-Existenz und dem Wesen Gottes (Theologie)

2.
Man unterscheidet 
- Spekulative Metaphysik: Deutung und Herleitung der gesamten Wirklichkeit aus einem obersten allgemeinen Grundsatz, Prinzip und
-  Induktive Metaphysik: Zusammenschau der Ergebnisse aller Einzelwissenschaften zu einem Weltbild.

3.
Durch das platonisch geprägte Christentum entstand 
die Metaphysik eines gegenständlichen Dualismus zwischen:
- Diesseits und Jenseits,
- Immanenz und Transzendenz,
- bloß sinnlichem Dasein ("Erscheinung" nach Kant) und wahrem Sein ("Ding an sich" nach Kant) 

und 
die Metaphysik eines erkenntnismäßigen Dualismus zwischen:
- bloß sinnlicher Wahrnehmung (durch die keine reine Erkenntnis gewonnen werden kann) und reinem Denken bzw. Erkennen aus der Vernunft.

Nicht gerade prickelnd, so eine Übersicht.

Vielleicht sind noch einige Anmerkungen hilfreich:

- Die spekulative Metaphysik versucht seit der Spätantike, das wahre Sein, also Gott, aus reiner Vernunft zu erklären, zu erkennen. 

- Kant spricht in seiner "Kritik der reinen Vernunft" (1781) dem bloß spekulativ-konstruktiven Denken jede Fähigkeit wirklicher Erkenntnis ab.

- Seit Kant wachsende Metaphysikfeindlichkeit bis hin zum Positivismus („Logischer Empirismus“ oder „Wiener Kreis“ um 1930), der erklärt, dass jede Art von Metaphysik verzichtbarer Unsinn sei. 

- Seit dem 20. Jahrhundert Rückwendung zur Induktiven Metaphysik, d.h.: (natur)wissenschaftliche Erkenntnisse aus allen Bereichen ermöglichen eine neue, erweiterte Sicht der Wirklichkeit. Es entstehen moderne Kosmologien, Versuche einheitlicher, widerspruchsfreier Weltbilder, allen voran die Prozess-Philosophie des Mathematikers, Physikers und Philosophen A. N. Whitehead (1861-1947).


Immerhin wird deutlich, dass Kant in dieser ganzen Angelegenheit eine wichtige Rolle spielt. Darüber würde ich gern mehr wissen.

Ja, ohne Kant geht in der Tat gar nichts. Ich erinnere mich an den Philosophie-Professor an der TU Berlin, der sein Kant-Seminar schmunzelnd mit dem Spruch eröffnete: "Man kann gegen Kant philosophieren, und man kann für Kant philosophieren, aber man kann nicht ohne Kant philosophieren..." 
Für Kant brauchen wir allerdings mehr Ruhe. Vorab noch ein Wort zur Induktiven Metaphysik:
Man könnte sie als ein rationales Fundament bezeichnen, als eine Art Hintergrundsfolie, auf der allgemein nachvollziehbare Aussagen über spezielle Erfahrungen formuliert werden können. Eine „brauchbare“ Metaphysik müsste die mögliche Grundlage für eine adäquate, kohärente, schlüssige Betrachtung der gesamten Wirklichkeit liefern: Erfahrungen aus allen für den Menschen relevanten Bereichen müssten so reflektiert werden können, dass sie weder aus dem Denken der Zeit herausfallen noch im Widerspruch zu ihr stehen.
Ohne einen rationalen, kohärenten, Einheit stiftenden „Meta-Gesamtzusammenhang“ besteht die Gefahr, dass wir uns in der Anhäufung von beliebigem, detailliertem, spezifiziertem, aus dem Zusammenhang gerissenen Faktenwissen verlieren und in Ideologien, Irrationalismen oder eine Diktatur des Relativismus abgleiten.
Was sich seit Kant Aufklärung nennt, sei letztlich ein Prozess der Demarkation. Die Vernunft grenzte sich selber ein und anderes aus, zog sich auf vermeintlich festes Terrain zurück - bei Kant in die Erkenntnismöglichkeit auf in Raum und Zeit anschaubare Gegenstände - und produzierte so durch ihren Rückzug zugleich ihr Irrationales, sagen G. u. H. Böhme in Das Andere der Vernunft.
Ein derart verengter Vernunft- und Wissenschaftsbegriff, der den Kulturbetrieb immer noch weitgehend bestimmt, wird weder der Wirklichkeit noch dem Menschen in seiner existenziellen Bedürftigkeit und Ganzheitlichkeit gerecht, geht an der Bedeutsamkeit von Leben, Lebendigem vorbei...

Genug, ich muss jetzt gehen. Vielleicht sehen wir uns ja noch, bevor Du gen Süden ziehst...? 

Ganz bestimmt.  

Ich sehe gerade, dass du Kant und seine Frage nach der Wahrheit doch schon gepostet hast. Super. Ich werde mir das über's Wochenende mal anschauen. Immerhin habe ich mir vor Wochen  schon die KrV gekauft und einige von Kants schrecklichen Begriffen gelernt: Prinzipien a priorisynthetische Urteile a priori und a posteriori, hm, so in etwa...

Na dann, viel Spaß. Bis bald wieder!

Fortsetzung: 
Die Wahrheitsfrage bei Kant (s. nächstes Post unten)


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Samstag, 5. Mai 2012


Die Frage nach der Wahrheit bei Kant - Transzendentale Logik.




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Die Frage nach der Wahrheit bei Kant 

(Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft – Universal-Bibliothek 6461- 9)

Maria Reinecke, Berlin  www.maria-reinecke.de



 

Kants Kopernikanische Wende im Erkenntnisprozess

Auf dem Wege zu einer vernunftkritischen Begründung der Metaphysik als Wissenschaft will Kant  in seiner Kritik der reinen Vernunft zunächst eine transzendentale Begründung wissenschaftlicher Erkenntnis geben, um damit eine der großen Fragen des Menschen zu beantworten: Was können wir wissen und damit verbunden die Frage, ob das, was wir wissen, auch allgemein gültig, also wahr ist?   

Kant macht bereits in der Vorrede und Einleitung der KrV deutlich, dass es neben dem anthropologischen Aspekt auch um die logische Forderung an die Vollkommenheit einer Erkenntnis geht, deren Hauptkriterium nun einmal Wahrheit ist, und er erklärt, dass die transzendentale Philosophie die einzige Methode sei, das zu prüfen und nachzuweisen. Denn nur die transzendentale Betrachtungsweise vermag die Bedingungen der Möglichkeit für eine Erkenntnis a priori zu untersuchen, die unabhängig von der Zufälligkeit empirischer Erfahrung allgemein gültig und notwendig und damit „wahr“ sei. Kant erklärt dazu: „Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht so wohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, so fern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt.“ (a.a.O. B 25)

Es geht zunächst um eine Analyse der Erkenntnis selbst. Die berühmte Kopernikanische Wende seiner Sicht des Erkenntnisprozesses besagt, dass die aus dem Subjekt stammenden Prinzipien a priori wesentlich konstitutiv für die Erkenntnis a priori und damit auch sichere Grundlage für alle aus der Wahrnehmung und Erfahrung gewonnene Erkenntnis a posteriori sind. Die Naturwissenschaft, sagt Kant, konnte nur darum so große Fortschritte machen, weil die Naturforscher begriffen, „dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurf hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu  antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen  müsse;...“ (a.a.O. B XII) 

Erkenntnis ist immer Erkenntnis von etwas, auf ein Objekt bezogen; dieser Objektbezug muss stimmen,   gültig sein, damit die Erkenntnis wahr genannt werden kann. Kant geht also von der empirischen     
Wahrheit als der eigentlichen Wahrheit aus. Wahrheitsfähige Erkenntnis ist bei Kant außerdem grundsätzlich Urteilswahrheit; d.h.: das Urteil über einen Gegenstand ist wahr, wenn es mit ihm übereinstimmt, korrespondiert, gemäß der klassischen aristotelischen Konzeption von Wahrheit, die da lautet: „Von etwas, das ist, zu sagen, dass es nicht ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es ist, ist falsch – während von etwas, das ist, zu sagen, dass es ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es nicht ist, wahr ist".

Wenn nun die Prinzipien a priori konstitutiv für wahre Erkenntnis sein sollen, müssen zunächst die Bedingungen geprüft werden, die es möglich machen, dass die aus dem Subjekt kommenden  Prinzipien sich überhaupt auf etwas objektiv Gegebenes beziehen und dass dieser Bezug dann tatsächlich auch zutrifft, also wahr ist.
Somit zielt die Frage nach der Wahrheit der Prinzipien a priori auf die Forderung, dass diese einen ursprünglichen Objektbezug aufweisen müssen, damit sie wahre Erkenntnis im Sinne von erweiternder synthetischer Erkenntnis a priori ermöglichen können; Kant macht an der empirischen Wahrheit deutlich, dass auch eine transzendentale Erkenntnisanalyse immer auf den notwendigen Bezug des Denkens zur Anschauung zu achten hat.

 
Was ist Wahrheit?

Im III. Kapitel der Einleitung zur transzendentalen Logik fragt Kant explizit: Was ist Wahrheit? Und es erstaunt, dass er nicht schon früher die Wahrheitsfrage deutlicher anspricht, sondern nur implizit, wenn er fragt, „wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen könne, und welchen Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen“, (a.a.O. B7) da eine Erkenntnis eben nur gültig und von Wert ist, wenn sie wahr ist.

Kant scheint die Frage nach der Wahrheit absichtlich hinaus zu zögern. Er weiß, dass die Wahrheitsfrage nur transzendentallogisch sinnvoll erörtert werden kann, der transzendentallogische Ansatz in der Wahrheits-Problematik jedoch eine neue philosophische Dimension darstellt. Kant ist sich bewusst, dass seine Herangehensweise sowohl die Logiker irritieren wird als auch die spekulativen Metaphysiker: denn Spekulationen über das Wesen der Wahrheit per se interessieren ihn keinen Augenblick; und die Logiker müssen letztlich einsehen lernen, dass sie die Wahrheitsfrage innerhalb ihrer allgemeinen, formalen Logik nicht beantworten, ja nicht einmal verstehen können.
Die allgemeine Logik enthält zwar die notwendigen Gesetze des Denkens, lehrt uns den richtigen, d.h. „den mit sich selbst übereinstimmenden  Gebrauch des Verstandes“ (Jäsche Logik, Kant Werke), und sie kann auch zur Beurteilung von Erkenntnissen herangezogen werden in Bezug auf deren logische Form und Richtigkeit. Richtiges Denken garantiert jedoch keineswegs ein den Objekten angemessenes Denken. So ist die formale Richtigkeit zwar die conditio sine qua non, aber nicht hinreichendes Kriterium für die Wahrheit einer Erkenntnis.
Denn wahre Erkenntnis zielt nun einmal auf Bestimmtes, während die allgemeine Logik nach Kant gerade von jedweden Inhalten und Beziehungen zu Gegenständen absieht. Die Frage nach objektiver Wahrheit dürfe sich also gar nicht an den Logiker richten, wenn sie nicht ungereimt sein soll; aber auch dazu gehöre „schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu wissen, was man vernünftigerweise fragen solle“, sagt Kant
(B 82)            

Kant hält angesichts dieser Schwierigkeiten inne und schafft sich stilistisch und grammatikalisch erst einmal Distanz, indem er „im Nebensatz ganz plötzlich und ausnahmsweise historisch-erzählendes Imperfekt“ (G. Prauss, Zum Wahrheitsproblem bei Kant) verwendet: „Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die Enge zu treiben vermeinte, und sie dahin zu bringen suchte, dass sie sich entweder auf einer elenden Dialexe (heute: Diallele, M.R.) mussten betreffen lassen, oder ihre Unwissenheit, mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen sollten, ist diese: Was ist Wahrheit?“ (B 82)
Und er fährt mit der traditionellen Namenerklärung der Wahrheit fort, „dass sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei“, als solche aber „hier“ geschenkt und vorausgesetzt werde.

Das 'hier' wird in der Kant-Forschung unterschiedlich gesehen, interpretiert: als ein auf die alten Logiker, auf Kants eigene Schrift und auf beide bezogen. G. Prauss z.B. bezieht das 'hier' auf die Logiker und betont, dass Kant sich diese Namenerklärung, die den korrespondenz-theoretischen Ansatz der Wahrheit beschreibt, gerade nicht „geschenkt“ hat, sondern sie zum Ausgangspunkt seiner transzendentalen Erörterung macht, während Th. Nenon in seinem Buch Objektivität und endliche Erkenntnis – Kants transzendentalphilosophische Korrespondenz-Theorie der Wahrheit anmerkt: Heidegger gehe davon aus, dass die Namenerklärung von Wahrheit für Kant in keinem Augenblick zur Diskussion stand, da er immer von ihrer Richtigkeit ausging.

Möglicherweise meint Kant das 'hier' aber auch zeitlich im Sinne von ‚jetzt’ oder ‚zunächst einmal’; er könnte durchaus von der Nominaldefinition der Wahrheit mit ihrem korrespondenz-theoretischen Ansatz überzeugt sein,  sie sich also erst einmal 'schenken' und sie dann trotzdem später, im Zuge seiner transzendentalen Logik differenzieren.  Auf jeden Fall bildet die allgemein verständliche, aus der Aristotelischen Tradition stammende Definition von Wahrheit einen günstigen Ausgangs- und Orientierungspunkt für Kants erkenntnistheoretisches Denken, wenn auch zunächst mit negativem Resultat. Denn er wird zeigen, dass eine so definierte Wahrheit und zunächst nur so zu definierende Wahrheit zu diversen Diallelen führt und nicht in den Bereich der formalen Logik gehört.


Die Diallele der Unbestimmtheit

Kants Frage „Was ist Wahrheit?“ wird geradezu zur Provokation, indem er nach dem „allgemeine(n) und sichere(n) Kriterium der Wahrheit einer jeden Erkenntnis“ (B 82) fragt.  Er weiß um die Ungereimtheit und Unlösbarkeit der Frage, denn die Wahrheit einer jeden empirischen Erkenntnis  hat es mit spezifischen Inhalten (Materie) ihrer Gegenstände zu tun, während ein allgemeines Kriterium der Wahrheit gerade von den jeweiligen Gegenständen absieht, von jeglichem Inhalt der Erkenntnis abstrahiert und somit gar keine bestimmte Erkenntnis treffen kann. In den Vorlesungen über Philosophische Enzyklopädie sagt Kant: „Die Erklärung der Wahrheit soll so beschaffen sein, dass sie auf alle Objekte ohne Unterschied passt. Ist aber die Art der Erkenntnis oder das Objekt unbestimmt, so wird auch das Merkmal der Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt verschieden sein, so oft diese variiert.“ (XXIX, 20, zitiert nach Th. Nenon)
Ein allgemeines logisches Kriterium für objektive Wahrheit bestimmter Erkenntnisse ist also unmöglich, ein Widerspruch in sich, eine Diallele, die „Diallele der Unbestimmtheit“, wie Nenon sie in diesem Zusammenhang nennt.

Kant benutzt diese Diallele als Argumentation für den  grundsätzlichen Unterschied zwischen Analytik und Dialektik innerhalb der Logik und wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die formale Logik den Objektbezug der Erkenntnis nicht „mitmachen“ könne, weil sie als formale Logik eben nur mit den Regeln des Denkens zu tun habe;  sie sei als Überprüfungsmöglichkeit der logischen Form der Wahrheit zwar die conditio sine qua non, mithin die negative Bedingung aller Wahrheit: weiter aber könne die Logik nicht gehen; sie sei nur ein Kanon zur Beurteilung von Erkenntnis, nicht aber ein „Organon zur wirklichen Hervorbringung... von objektiven Behauptungen“. (B 85)  „Gemissbraucht“ man die Logik als Grundlage zur Erweiterung von Erkenntnis, d. h. versucht man, über ihre analytischen Urteile hinaus, zu synthetischen Urteilen zu gelangen, wird sie zur Logik des Scheins: zur Dialektik, wie die „Alten (diese) sophistische Kunst“ auch nannten und damit „der Würde der Philosophie auf keine Weise gemäß“. (B 86)

Inwieweit  seine transzendentale Logik die Wahrheit objektiver Erkenntnis garantieren kann und welche Rolle jener bei der Lösung der Wahrheitsproblematik zukommt, wird Kant zeigen müssen.


Die epistemologische Diallele

Zunächst soll die traditionelle Namenerklärung der Wahrheit,  die die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand fordert, als Ausgangs- und Orientierungspunkt für Kants Erkenntnistheorie weiter verfolgt werden.
Die Hauptschwierigkeit für jede Erkenntnistheorie, die eine mögliche Korrespondenz zwischen subjektiver Erkenntnis und objektivem Gegenstand zum Ausgangspunkt hat, besteht in einer weiteren Diallele, der epistemologischen Diallele, d. h.:  der Erkenntnis als einem subjektiven Prozess steht ein Objekt gegenüber, das außerhalb und unabhängig vom Subjekt ist. Das erkennende Subjekt kann das ganz und gar anders geartete Objekt nur dadurch mit seiner Erkenntnis übereinstimmend bestätigen, dass es den Gegenstand erkennt. Das Subjekt kann also immer nur seine Erkenntnis von einem Gegenstand mit seiner Erkenntnis von diesem Gegenstand überprüfen. „Einen solchen Circel im Erklären nannten die Alten Diallele.“ (Jäsche Logik)
Kant geht auf diese sich im Kreis bewegende Art des Denkens in der Reflexion 2143 ein. Wenn wahre Erkenntnis eines Gegenstandes heißt, dass das Urteil mit dem Objekt übereinstimmen soll, „...kann ich das Objekt nur mit meiner Erkenntnis vergleichen dadurch, dass ich es erkenne. Diallele“. (Zitiert bei G. Prauss)
Das Urteil über ein Objekt ist also immer ein Urteil über ein Urteil. Das Korrelat zu einem wahren Urteil müsste also selber Wahrheit besitzen, damit es Gültigkeit hat; so müsste Sokrates tatsächlich Weisheit besitzen, damit das Urteil „Sokrates ist weise“ gültig bzw. wahr ist.
Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt ist hier wieder die Frage nach „materieller (objektiver) Wahrheit“ (B85), nach empirischer Wahrheit, die durch den logischen Gebrauch des Prädikats „wahr“ gar nicht berührt wird, werden kann. Der Logiker würde sein Urteil über Sokrates, dass dieser weise sei, als wahr bezeichnen und damit die Wahrheit dessen, was er als wahr bezeichnet, einfach voraussetzen. Er würde also Wahrheit immer mit Wahrheit erklären.


Die kriteriologische Diallele

Wie aber soll die Wahrheit eines Urteils auch anders erklärt werden als mit wieder wahren Urteilen? Hier steckt eine weitere Diallele, die kriteologische Diallele, die nichts anderes besagt, als dass eine Realdefinition der Wahrheit, die die objektive Realität des zu Definierenden deutlich machen soll, nicht gegeben werden kann.
Die Schwierigkeit bei der Erklärung von Wahrheit ist eben eine ganz besondere. Während bei der Erklärung von Gerechtigkeit z. B. nicht alle Sätze selber gerecht sind, müssen alle Sätze zur Erklärung der Wahrheit selber wahr sein.  Die Definition der Wahrheit muss selber Wahrheit besitzen, um als Maßstab für wahre Sätze gelten zu können.
Da eine Realdefintion der Wahrheit nicht gegeben werden kann, wie die kriteologische Diallele zeigt, wird Kants anfängliche Beschränkung auf die Nominaldefinition der Wahrheit im Nachhinein noch verständlicher. Mehr als eine Annäherung an eine Definition der Wahrheit ist zunächst gar nicht möglich.

Alle drei Diallelen zeigen die Unmöglichkeit einer logischen Begründung oder Überprüfung bestimmter inhaltlicher Wahrheit. Die epistemologische Diallele zeigt insbesondere, dass der logische Gebrauch selbst einfacher, wahrer Aussagen zu einem unendlichen Regress führt, sobald nach objektiver Gültigkeit gefragt wird.
  

Die transzendentale Frage nach der Wahrheit

Zusammenfassend kann bis hierher gesagt werden: Kant geht bei der Wahrheits-Problematik zunächst von einer nicht mehr zu hinterfragenden Selbstverständlichkeit und dem Selbstverständnis empirischer  Wahrheit aus. Die empirische Wahrheit kann aber nicht Gegenstand der allgemeinen Logik sein, ohne in Diallelen: Zirkelschlüsse, Widersprüche und dialektischen Schein zu geraten.

Kants Frage nach objektiver, empirischer Wahrheit, also synthetischen Sätzen a posteriori ist für ihn nur relevant in Hinblick auf mögliche Wahrheit der Prinzipien a priori bzw. auf die Möglichkeit reiner, erweiternder Erkenntnisse, also synthetischer Sätze  a priori. Indem er die Bedingungen für empirische Wahrheit aufweist, bereitet er die Bedingungen für die transzendentale Behandlung der Wahrheit vor. Da empirische Wahrheit nur wahr ist, wenn sie objektive Gültigkeit hat, muss Erkenntnis a priori zumindest einen Gegenstandsbezug a priori aufweisen, damit eine Übereinstimmung von Denken (Urteilen)  und Gegenstand überhaupt möglich wird. So beschreibt Kant seine transzendentale Logik als „die Idee von einer Wissenschaft des reinen Verstandes und Vernunfterkenntnis, dadurch wir Gegenstände völlig a priori denken“. (B 81) Die transzendentale Logik soll zwar wie die formale Logik auf reinen Prinzipen gegründet sein, darf dabei aber nicht von allem Inhalt der Erkenntnis abstrahieren.

Wenn also die allgemeine, formale Logik Wahrheit im Sinne von Erkenntnis nicht begründen kann, muss die transzendentale Logik, will sie die Bedingungen der Möglichkeit von Wahrheit prüfen, über formale Kriterien hinausgehen. Sie muss Inhaltslogik sein, d h. sie muss sich als reines, von der Erfahrung unabhängiges  Denken auch auf reine Anschauung beziehen können, um einen objektiven Bezug a priori für die Erkenntnis a priori zu gewährleisten.
In seiner transzendentalen Ästhetik zeigt Kant, dass es reine und empirische Anschauung gibt und neben dem empirischen Denken von Gegenständen auch reines Denken von Gegenständen im Sinne einer erfahrungsfreien Gegenstandsbestimmung. Reines Denken muss sich also auch auf reine Anschauung beziehen können.
Das Denken hat bei Kant Doppelcharakter: einmal ist es als spontane Verstandeshandlung rein fungierendes Vermögen, „verschiedene Vorstellungen unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen“, (B 93) also Begriffe zu bilden.
Da die Begriffe sich aber  auf das in der Anschauung Gegebene beziehen müssen, um nicht leer zu bleiben – „Gedanken ohne Inhalte sind leer, Anschauung ohne Begriffe sind blind“ (B75) – muss das Denken auch gegenstandsbezogen sein. Als nicht-sinnliches, mittelbares Vorstellen der Gegenstände basiert es auf der unmittelbaren Vorstellung der sinnlichen Anschauung, ja macht den in der Anschauung gegebenen, noch unbestimmten Eindruck des Gegenstandes überhaupt erst erkennbar, verständlich; das Denken muss also einen ursprünglichen Bezug haben.
Der Doppelcharakter des Denkens legt eine doppelte Untersuchung des Denkens nahe. Die allgemeine Logik beurteilt die Richtigkeit  oder Falschheit des fungierenden Vermögens, und die transzendentale Logik prüft den Objektbezug a priori des Denkens und damit „die Möglichkeit der Erkenntnis oder den Gebrauch derselben a priori“. (B 80)
Die transzendentale Logik muss dann in der transzendentalen Analytik – „der Zergliederung des Verstandesvermögens selbst“ (B 90) - die Elemente des reinen Denkens, „die reinen Begriffe bis zu ihren ersten Keimen und Anlagen im menschlichen Verstande verfolgen, in denen sie vorbereitet liegen...“ (B 91)


Die Kategorien

Die Elemente des reinen Denkens, die reinen Verstandesbegriffe, sind für Kant die Kategorien Quantität, Qualität, Relation, Modalität. Die Kategorien werden als letzte Verstandeselemente zum Prüfstein  für die Möglichkeit von Wahrheit überhaupt; ihre „Entdeckung“ und Rechtfertigung  ist für Kants Erkenntnistheorie von entscheidender Wichtigkeit. Sie sind die geforderten Prinzipien a priori, von strenger Allgemeinheit und absoluter Notwendigkeit; sie stammen aus dem Erkenntnisvermögen des Subjekts selber, gleichzeitig haben sie einen a priori Bezug zum Gegebenen in der Anschauung und bieten damit die Bedingungen für objektive, wahre Erkenntnis.
Aus der Forderung nach Korrespondenz von Erkenntnis und Gegenstand, die bei der Namenerklärung von Wahrheit eingangs gestellt wurde, wird nun in der transzendentalen Logik  die Forderung nach der Korrespondenz von Kategorie und Anschauung.

Kant muss nun zeigen, dass die Kategorien nicht nur subjektive Prinzipien sind, die dem Menschen eine geradezu willkürliche schöpferische Beziehung zur Welt erlauben, sondern dass diese „Prinzipen, ohne welche überall kein Gegenstand gedacht werden kann“, (B 87) auf bestimmte Weisen des Gegebenseins der Gegenstände stoßen und an sie gebunden sind.
Die wesentliche Bedingung des auf bestimmte Weise Gegebenseins der Welt stellt nach Kant die Zeit dar: die Zeit als reine Form der Anschauung, und er wird in der Folge versuchen aufzuzeigen, dass die Schematisierung der Kategorien durch die Zeit den ursprünglichen Bezug subjektiver Erkenntnis zum objektiv Gegebenen in der Anschauung gewährleistet. Damit würde die transzendentale Logik ihre Aufgabe: die Bedingungen der Möglichkeit von Wahrheit zu prüfen, weitgehend erfüllen.


Transzendentale Logik - Transzendentale Wahrheit

Die transzendentale Logik wäre damit tatsächlich eine Logik der Wahrheit: transzendentaler Wahrheit. Eine Erkenntnis, die ihr widerspräche, hätte keinen Bezug zum Objekt, also gar keine Wahrheitsmöglichkeit und könnte von daher nicht einmal falsch genannt werden. Denn selbst eine falsche Erkenntnis setzt voraus, dass sie sich auf etwas in der Anschauung bezieht. Alle Beziehung auf ein Objekt verlieren, hieße eben auch, alle Wahrheit verlieren. 
Die transzendentale Logik kann zwar, nach Kant, grundsätzlich über die Möglichkeit von Wahrheit Aussagen machen, die empirische Wahrheit jedoch, die Ausgangspunkt seiner Fragestellung war, wird dadurch auch nicht berührt.
Empirische Wahrheit kann weder formallogisch noch transzendentallogisch begründet oder gar gewährleistet werden. Zur empirischen Wahrheit gehört empirische Erfahrung, „welche doch einzig und allein uns die Materie (Objekte) an die Hand geben kann, worauf jene reinen Verstandesbegriffe angewandt werden können“. (B 87f)

Die transzendentale Logik kann die eingangs gestellte Frage nach der Wahrheit zwar auch nicht lösen, sie kann aber, so Kant, dem Menschen die Grenzen seines Wissens markieren und zumindest innerhalb dieser Grenzen die Möglichkeit wahrer Erkenntnis gewährleisten. Der Mensch muss akzeptieren, dass er als endliches Wesen nur über endliches Denken verfügt. Wahrheit kann nicht durch „hyperphysischen Gebrauch des Verstandes“ in irgendeiner Transzendenz gefunden werden, sondern sie kann nur als transzendentale Wahrheit die Bedingungen für mögliche wahre Erkenntnis von Gegenständen aufweisen.

                                                          Maria Reinecke, Berlin   www.maria-reinecke.de







Montag, 26. März 2012


Wahrheit - Gedankensplitter 


1.
Die Frage nach der Wahrheit?  Gähn - Ein Jahrtausende alter Hut. Jeder hat seine eigene Wahrheit.

Es ist dir also egal, ob das, was du sagst und denkst und von dem du überzeugt bist, auch wahr ist?

Mir reicht es, wenn es in sich schlüssig ist - und andere überzeugt. Die Frage nach der Wahrheit ist eine metaphysische Frage, und metaphysischen Fragen sind insgesamt Unsinn, so ist die Wahrheitsfrage reine Zeitverschwendung. Eine allgemeingültige Wahrheit gibt's nun einmal nicht, basta.

Womit du eine allgemein gültige, also metaphysische Aussage über die (Un-)Gültigkeit von Wahrheit triffst und gleichzeitig davon ausgehst, dass deine Aussage wahr ist, nicht wahr?

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2.
Mich beschäftigt das sog. Thomas-Theorem (1928):  „Wenn eine Aussage für wahr gehalten wird, dann ist sie wahr in ihren Konsequenzen.“ Was heißt das: Wahr sein in den Konsequenzen?

Ich denke, im zweiten Teil des Satzes steht "wahr" für "wirklich“, d. h.: Was wir mehr oder weniger bewusst für wahr halten, tragen wir jeden Tag  sichtbar, hörbar, spürbar nach außen in die Welt. In diesem Sinne sind unsere persönlichen, subjektiven "Wahrheiten" alles andere als belanglos; sie haben wirkliche Konsequenzen, schaffen immerzu Fakten.

Im Extremfall ballert also jemand um sich, nur weil er seiner  eigenen "Wahrheit" folgt? Ein ungemütlicher Gedanke.

Ballern wir nicht ständig um uns, wenn jemand unserer eigenen Wahrheit in die Quere kommt, nur ein bisschen subtiler?  

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3.
Jean-Paul Sartre sagt: 

Wenn die Wahrheit nicht leben darf, sei das System tote Wahrheit, und die Welt nichts als das. Der Reichtum wäre Armut.

Die Freude kommt von der offenen Wahrheit; selbst wenn ich die Welt in ihrer Totalität verstanden hätte,  bliebe sie dennoch ganz und gar zu verstehen.

Denn wenn die Wahrheit angehalten würde, wäre sie gegeben, und die Freiheit müsste der Passivität Platz machen.                                                                                        
                                                             
(Da Zitate nicht ohne weiteres erlaubt sind, habe ich die indirekte Form gewählt; nachzulesen in Wahrheit und Existenz, Rowohlt 1996)

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... Wird fortgesetzt.



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s. auch in diesem Blog:

I. Der Logische Empirismus und die Frage nach der Wahrheit
     Teil 1: Was der Logische Empirismus aus der Wahrheitsfrage macht

     Teil 2: Tarskis semantischer Lösungsversuch der Wahrheitsproblematik

II. Wahrheit im Schnee - eine kleine Geschichte (M.R.)  

III. Was ist Metaphysik - wozu soll sie nützlich sein?



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