Samstag, 5. Mai 2012


Die Frage nach der Wahrheit bei Kant - Transzendentale Logik.




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Berlin 2012


  

Die Frage nach der Wahrheit bei Kant 

(Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft – Universal-Bibliothek 6461- 9)

Maria Reinecke, Berlin  www.maria-reinecke.de



 

Kants Kopernikanische Wende im Erkenntnisprozess

Auf dem Wege zu einer vernunftkritischen Begründung der Metaphysik als Wissenschaft will Kant  in seiner Kritik der reinen Vernunft zunächst eine transzendentale Begründung wissenschaftlicher Erkenntnis geben, um damit eine der großen Fragen des Menschen zu beantworten: Was können wir wissen und damit verbunden die Frage, ob das, was wir wissen, auch allgemein gültig, also wahr ist?   

Kant macht bereits in der Vorrede und Einleitung der KrV deutlich, dass es neben dem anthropologischen Aspekt auch um die logische Forderung an die Vollkommenheit einer Erkenntnis geht, deren Hauptkriterium nun einmal Wahrheit ist, und er erklärt, dass die transzendentale Philosophie die einzige Methode sei, das zu prüfen und nachzuweisen. Denn nur die transzendentale Betrachtungsweise vermag die Bedingungen der Möglichkeit für eine Erkenntnis a priori zu untersuchen, die unabhängig von der Zufälligkeit empirischer Erfahrung allgemein gültig und notwendig und damit „wahr“ sei. Kant erklärt dazu: „Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht so wohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, so fern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt.“ (a.a.O. B 25)

Es geht zunächst um eine Analyse der Erkenntnis selbst. Die berühmte Kopernikanische Wende seiner Sicht des Erkenntnisprozesses besagt, dass die aus dem Subjekt stammenden Prinzipien a priori wesentlich konstitutiv für die Erkenntnis a priori und damit auch sichere Grundlage für alle aus der Wahrnehmung und Erfahrung gewonnene Erkenntnis a posteriori sind. Die Naturwissenschaft, sagt Kant, konnte nur darum so große Fortschritte machen, weil die Naturforscher begriffen, „dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurf hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu  antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen  müsse;...“ (a.a.O. B XII) 

Erkenntnis ist immer Erkenntnis von etwas, auf ein Objekt bezogen; dieser Objektbezug muss stimmen,   gültig sein, damit die Erkenntnis wahr genannt werden kann. Kant geht also von der empirischen     
Wahrheit als der eigentlichen Wahrheit aus. Wahrheitsfähige Erkenntnis ist bei Kant außerdem grundsätzlich Urteilswahrheit; d.h.: das Urteil über einen Gegenstand ist wahr, wenn es mit ihm übereinstimmt, korrespondiert, gemäß der klassischen aristotelischen Konzeption von Wahrheit, die da lautet: „Von etwas, das ist, zu sagen, dass es nicht ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es ist, ist falsch – während von etwas, das ist, zu sagen, dass es ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es nicht ist, wahr ist".

Wenn nun die Prinzipien a priori konstitutiv für wahre Erkenntnis sein sollen, müssen zunächst die Bedingungen geprüft werden, die es möglich machen, dass die aus dem Subjekt kommenden  Prinzipien sich überhaupt auf etwas objektiv Gegebenes beziehen und dass dieser Bezug dann tatsächlich auch zutrifft, also wahr ist.
Somit zielt die Frage nach der Wahrheit der Prinzipien a priori auf die Forderung, dass diese einen ursprünglichen Objektbezug aufweisen müssen, damit sie wahre Erkenntnis im Sinne von erweiternder synthetischer Erkenntnis a priori ermöglichen können; Kant macht an der empirischen Wahrheit deutlich, dass auch eine transzendentale Erkenntnisanalyse immer auf den notwendigen Bezug des Denkens zur Anschauung zu achten hat.

 
Was ist Wahrheit?

Im III. Kapitel der Einleitung zur transzendentalen Logik fragt Kant explizit: Was ist Wahrheit? Und es erstaunt, dass er nicht schon früher die Wahrheitsfrage deutlicher anspricht, sondern nur implizit, wenn er fragt, „wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen könne, und welchen Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen“, (a.a.O. B7) da eine Erkenntnis eben nur gültig und von Wert ist, wenn sie wahr ist.

Kant scheint die Frage nach der Wahrheit absichtlich hinaus zu zögern. Er weiß, dass die Wahrheitsfrage nur transzendentallogisch sinnvoll erörtert werden kann, der transzendentallogische Ansatz in der Wahrheits-Problematik jedoch eine neue philosophische Dimension darstellt. Kant ist sich bewusst, dass seine Herangehensweise sowohl die Logiker irritieren wird als auch die spekulativen Metaphysiker: denn Spekulationen über das Wesen der Wahrheit per se interessieren ihn keinen Augenblick; und die Logiker müssen letztlich einsehen lernen, dass sie die Wahrheitsfrage innerhalb ihrer allgemeinen, formalen Logik nicht beantworten, ja nicht einmal verstehen können.
Die allgemeine Logik enthält zwar die notwendigen Gesetze des Denkens, lehrt uns den richtigen, d.h. „den mit sich selbst übereinstimmenden  Gebrauch des Verstandes“ (Jäsche Logik, Kant Werke), und sie kann auch zur Beurteilung von Erkenntnissen herangezogen werden in Bezug auf deren logische Form und Richtigkeit. Richtiges Denken garantiert jedoch keineswegs ein den Objekten angemessenes Denken. So ist die formale Richtigkeit zwar die conditio sine qua non, aber nicht hinreichendes Kriterium für die Wahrheit einer Erkenntnis.
Denn wahre Erkenntnis zielt nun einmal auf Bestimmtes, während die allgemeine Logik nach Kant gerade von jedweden Inhalten und Beziehungen zu Gegenständen absieht. Die Frage nach objektiver Wahrheit dürfe sich also gar nicht an den Logiker richten, wenn sie nicht ungereimt sein soll; aber auch dazu gehöre „schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu wissen, was man vernünftigerweise fragen solle“, sagt Kant
(B 82)            

Kant hält angesichts dieser Schwierigkeiten inne und schafft sich stilistisch und grammatikalisch erst einmal Distanz, indem er „im Nebensatz ganz plötzlich und ausnahmsweise historisch-erzählendes Imperfekt“ (G. Prauss, Zum Wahrheitsproblem bei Kant) verwendet: „Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die Enge zu treiben vermeinte, und sie dahin zu bringen suchte, dass sie sich entweder auf einer elenden Dialexe (heute: Diallele, M.R.) mussten betreffen lassen, oder ihre Unwissenheit, mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen sollten, ist diese: Was ist Wahrheit?“ (B 82)
Und er fährt mit der traditionellen Namenerklärung der Wahrheit fort, „dass sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei“, als solche aber „hier“ geschenkt und vorausgesetzt werde.

Das 'hier' wird in der Kant-Forschung unterschiedlich gesehen, interpretiert: als ein auf die alten Logiker, auf Kants eigene Schrift und auf beide bezogen. G. Prauss z.B. bezieht das 'hier' auf die Logiker und betont, dass Kant sich diese Namenerklärung, die den korrespondenz-theoretischen Ansatz der Wahrheit beschreibt, gerade nicht „geschenkt“ hat, sondern sie zum Ausgangspunkt seiner transzendentalen Erörterung macht, während Th. Nenon in seinem Buch Objektivität und endliche Erkenntnis – Kants transzendentalphilosophische Korrespondenz-Theorie der Wahrheit anmerkt: Heidegger gehe davon aus, dass die Namenerklärung von Wahrheit für Kant in keinem Augenblick zur Diskussion stand, da er immer von ihrer Richtigkeit ausging.

Möglicherweise meint Kant das 'hier' aber auch zeitlich im Sinne von ‚jetzt’ oder ‚zunächst einmal’; er könnte durchaus von der Nominaldefinition der Wahrheit mit ihrem korrespondenz-theoretischen Ansatz überzeugt sein,  sie sich also erst einmal 'schenken' und sie dann trotzdem später, im Zuge seiner transzendentalen Logik differenzieren.  Auf jeden Fall bildet die allgemein verständliche, aus der Aristotelischen Tradition stammende Definition von Wahrheit einen günstigen Ausgangs- und Orientierungspunkt für Kants erkenntnistheoretisches Denken, wenn auch zunächst mit negativem Resultat. Denn er wird zeigen, dass eine so definierte Wahrheit und zunächst nur so zu definierende Wahrheit zu diversen Diallelen führt und nicht in den Bereich der formalen Logik gehört.


Die Diallele der Unbestimmtheit

Kants Frage „Was ist Wahrheit?“ wird geradezu zur Provokation, indem er nach dem „allgemeine(n) und sichere(n) Kriterium der Wahrheit einer jeden Erkenntnis“ (B 82) fragt.  Er weiß um die Ungereimtheit und Unlösbarkeit der Frage, denn die Wahrheit einer jeden empirischen Erkenntnis  hat es mit spezifischen Inhalten (Materie) ihrer Gegenstände zu tun, während ein allgemeines Kriterium der Wahrheit gerade von den jeweiligen Gegenständen absieht, von jeglichem Inhalt der Erkenntnis abstrahiert und somit gar keine bestimmte Erkenntnis treffen kann. In den Vorlesungen über Philosophische Enzyklopädie sagt Kant: „Die Erklärung der Wahrheit soll so beschaffen sein, dass sie auf alle Objekte ohne Unterschied passt. Ist aber die Art der Erkenntnis oder das Objekt unbestimmt, so wird auch das Merkmal der Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt verschieden sein, so oft diese variiert.“ (XXIX, 20, zitiert nach Th. Nenon)
Ein allgemeines logisches Kriterium für objektive Wahrheit bestimmter Erkenntnisse ist also unmöglich, ein Widerspruch in sich, eine Diallele, die „Diallele der Unbestimmtheit“, wie Nenon sie in diesem Zusammenhang nennt.

Kant benutzt diese Diallele als Argumentation für den  grundsätzlichen Unterschied zwischen Analytik und Dialektik innerhalb der Logik und wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die formale Logik den Objektbezug der Erkenntnis nicht „mitmachen“ könne, weil sie als formale Logik eben nur mit den Regeln des Denkens zu tun habe;  sie sei als Überprüfungsmöglichkeit der logischen Form der Wahrheit zwar die conditio sine qua non, mithin die negative Bedingung aller Wahrheit: weiter aber könne die Logik nicht gehen; sie sei nur ein Kanon zur Beurteilung von Erkenntnis, nicht aber ein „Organon zur wirklichen Hervorbringung... von objektiven Behauptungen“. (B 85)  „Gemissbraucht“ man die Logik als Grundlage zur Erweiterung von Erkenntnis, d. h. versucht man, über ihre analytischen Urteile hinaus, zu synthetischen Urteilen zu gelangen, wird sie zur Logik des Scheins: zur Dialektik, wie die „Alten (diese) sophistische Kunst“ auch nannten und damit „der Würde der Philosophie auf keine Weise gemäß“. (B 86)

Inwieweit  seine transzendentale Logik die Wahrheit objektiver Erkenntnis garantieren kann und welche Rolle jener bei der Lösung der Wahrheitsproblematik zukommt, wird Kant zeigen müssen.


Die epistemologische Diallele

Zunächst soll die traditionelle Namenerklärung der Wahrheit,  die die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand fordert, als Ausgangs- und Orientierungspunkt für Kants Erkenntnistheorie weiter verfolgt werden.
Die Hauptschwierigkeit für jede Erkenntnistheorie, die eine mögliche Korrespondenz zwischen subjektiver Erkenntnis und objektivem Gegenstand zum Ausgangspunkt hat, besteht in einer weiteren Diallele, der epistemologischen Diallele, d. h.:  der Erkenntnis als einem subjektiven Prozess steht ein Objekt gegenüber, das außerhalb und unabhängig vom Subjekt ist. Das erkennende Subjekt kann das ganz und gar anders geartete Objekt nur dadurch mit seiner Erkenntnis übereinstimmend bestätigen, dass es den Gegenstand erkennt. Das Subjekt kann also immer nur seine Erkenntnis von einem Gegenstand mit seiner Erkenntnis von diesem Gegenstand überprüfen. „Einen solchen Circel im Erklären nannten die Alten Diallele.“ (Jäsche Logik)
Kant geht auf diese sich im Kreis bewegende Art des Denkens in der Reflexion 2143 ein. Wenn wahre Erkenntnis eines Gegenstandes heißt, dass das Urteil mit dem Objekt übereinstimmen soll, „...kann ich das Objekt nur mit meiner Erkenntnis vergleichen dadurch, dass ich es erkenne. Diallele“. (Zitiert bei G. Prauss)
Das Urteil über ein Objekt ist also immer ein Urteil über ein Urteil. Das Korrelat zu einem wahren Urteil müsste also selber Wahrheit besitzen, damit es Gültigkeit hat; so müsste Sokrates tatsächlich Weisheit besitzen, damit das Urteil „Sokrates ist weise“ gültig bzw. wahr ist.
Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt ist hier wieder die Frage nach „materieller (objektiver) Wahrheit“ (B85), nach empirischer Wahrheit, die durch den logischen Gebrauch des Prädikats „wahr“ gar nicht berührt wird, werden kann. Der Logiker würde sein Urteil über Sokrates, dass dieser weise sei, als wahr bezeichnen und damit die Wahrheit dessen, was er als wahr bezeichnet, einfach voraussetzen. Er würde also Wahrheit immer mit Wahrheit erklären.


Die kriteriologische Diallele

Wie aber soll die Wahrheit eines Urteils auch anders erklärt werden als mit wieder wahren Urteilen? Hier steckt eine weitere Diallele, die kriteologische Diallele, die nichts anderes besagt, als dass eine Realdefinition der Wahrheit, die die objektive Realität des zu Definierenden deutlich machen soll, nicht gegeben werden kann.
Die Schwierigkeit bei der Erklärung von Wahrheit ist eben eine ganz besondere. Während bei der Erklärung von Gerechtigkeit z. B. nicht alle Sätze selber gerecht sind, müssen alle Sätze zur Erklärung der Wahrheit selber wahr sein.  Die Definition der Wahrheit muss selber Wahrheit besitzen, um als Maßstab für wahre Sätze gelten zu können.
Da eine Realdefintion der Wahrheit nicht gegeben werden kann, wie die kriteologische Diallele zeigt, wird Kants anfängliche Beschränkung auf die Nominaldefinition der Wahrheit im Nachhinein noch verständlicher. Mehr als eine Annäherung an eine Definition der Wahrheit ist zunächst gar nicht möglich.

Alle drei Diallelen zeigen die Unmöglichkeit einer logischen Begründung oder Überprüfung bestimmter inhaltlicher Wahrheit. Die epistemologische Diallele zeigt insbesondere, dass der logische Gebrauch selbst einfacher, wahrer Aussagen zu einem unendlichen Regress führt, sobald nach objektiver Gültigkeit gefragt wird.
  

Die transzendentale Frage nach der Wahrheit

Zusammenfassend kann bis hierher gesagt werden: Kant geht bei der Wahrheits-Problematik zunächst von einer nicht mehr zu hinterfragenden Selbstverständlichkeit und dem Selbstverständnis empirischer  Wahrheit aus. Die empirische Wahrheit kann aber nicht Gegenstand der allgemeinen Logik sein, ohne in Diallelen: Zirkelschlüsse, Widersprüche und dialektischen Schein zu geraten.

Kants Frage nach objektiver, empirischer Wahrheit, also synthetischen Sätzen a posteriori ist für ihn nur relevant in Hinblick auf mögliche Wahrheit der Prinzipien a priori bzw. auf die Möglichkeit reiner, erweiternder Erkenntnisse, also synthetischer Sätze  a priori. Indem er die Bedingungen für empirische Wahrheit aufweist, bereitet er die Bedingungen für die transzendentale Behandlung der Wahrheit vor. Da empirische Wahrheit nur wahr ist, wenn sie objektive Gültigkeit hat, muss Erkenntnis a priori zumindest einen Gegenstandsbezug a priori aufweisen, damit eine Übereinstimmung von Denken (Urteilen)  und Gegenstand überhaupt möglich wird. So beschreibt Kant seine transzendentale Logik als „die Idee von einer Wissenschaft des reinen Verstandes und Vernunfterkenntnis, dadurch wir Gegenstände völlig a priori denken“. (B 81) Die transzendentale Logik soll zwar wie die formale Logik auf reinen Prinzipen gegründet sein, darf dabei aber nicht von allem Inhalt der Erkenntnis abstrahieren.

Wenn also die allgemeine, formale Logik Wahrheit im Sinne von Erkenntnis nicht begründen kann, muss die transzendentale Logik, will sie die Bedingungen der Möglichkeit von Wahrheit prüfen, über formale Kriterien hinausgehen. Sie muss Inhaltslogik sein, d h. sie muss sich als reines, von der Erfahrung unabhängiges  Denken auch auf reine Anschauung beziehen können, um einen objektiven Bezug a priori für die Erkenntnis a priori zu gewährleisten.
In seiner transzendentalen Ästhetik zeigt Kant, dass es reine und empirische Anschauung gibt und neben dem empirischen Denken von Gegenständen auch reines Denken von Gegenständen im Sinne einer erfahrungsfreien Gegenstandsbestimmung. Reines Denken muss sich also auch auf reine Anschauung beziehen können.
Das Denken hat bei Kant Doppelcharakter: einmal ist es als spontane Verstandeshandlung rein fungierendes Vermögen, „verschiedene Vorstellungen unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen“, (B 93) also Begriffe zu bilden.
Da die Begriffe sich aber  auf das in der Anschauung Gegebene beziehen müssen, um nicht leer zu bleiben – „Gedanken ohne Inhalte sind leer, Anschauung ohne Begriffe sind blind“ (B75) – muss das Denken auch gegenstandsbezogen sein. Als nicht-sinnliches, mittelbares Vorstellen der Gegenstände basiert es auf der unmittelbaren Vorstellung der sinnlichen Anschauung, ja macht den in der Anschauung gegebenen, noch unbestimmten Eindruck des Gegenstandes überhaupt erst erkennbar, verständlich; das Denken muss also einen ursprünglichen Bezug haben.
Der Doppelcharakter des Denkens legt eine doppelte Untersuchung des Denkens nahe. Die allgemeine Logik beurteilt die Richtigkeit  oder Falschheit des fungierenden Vermögens, und die transzendentale Logik prüft den Objektbezug a priori des Denkens und damit „die Möglichkeit der Erkenntnis oder den Gebrauch derselben a priori“. (B 80)
Die transzendentale Logik muss dann in der transzendentalen Analytik – „der Zergliederung des Verstandesvermögens selbst“ (B 90) - die Elemente des reinen Denkens, „die reinen Begriffe bis zu ihren ersten Keimen und Anlagen im menschlichen Verstande verfolgen, in denen sie vorbereitet liegen...“ (B 91)


Die Kategorien

Die Elemente des reinen Denkens, die reinen Verstandesbegriffe, sind für Kant die Kategorien Quantität, Qualität, Relation, Modalität. Die Kategorien werden als letzte Verstandeselemente zum Prüfstein  für die Möglichkeit von Wahrheit überhaupt; ihre „Entdeckung“ und Rechtfertigung  ist für Kants Erkenntnistheorie von entscheidender Wichtigkeit. Sie sind die geforderten Prinzipien a priori, von strenger Allgemeinheit und absoluter Notwendigkeit; sie stammen aus dem Erkenntnisvermögen des Subjekts selber, gleichzeitig haben sie einen a priori Bezug zum Gegebenen in der Anschauung und bieten damit die Bedingungen für objektive, wahre Erkenntnis.
Aus der Forderung nach Korrespondenz von Erkenntnis und Gegenstand, die bei der Namenerklärung von Wahrheit eingangs gestellt wurde, wird nun in der transzendentalen Logik  die Forderung nach der Korrespondenz von Kategorie und Anschauung.

Kant muss nun zeigen, dass die Kategorien nicht nur subjektive Prinzipien sind, die dem Menschen eine geradezu willkürliche schöpferische Beziehung zur Welt erlauben, sondern dass diese „Prinzipen, ohne welche überall kein Gegenstand gedacht werden kann“, (B 87) auf bestimmte Weisen des Gegebenseins der Gegenstände stoßen und an sie gebunden sind.
Die wesentliche Bedingung des auf bestimmte Weise Gegebenseins der Welt stellt nach Kant die Zeit dar: die Zeit als reine Form der Anschauung, und er wird in der Folge versuchen aufzuzeigen, dass die Schematisierung der Kategorien durch die Zeit den ursprünglichen Bezug subjektiver Erkenntnis zum objektiv Gegebenen in der Anschauung gewährleistet. Damit würde die transzendentale Logik ihre Aufgabe: die Bedingungen der Möglichkeit von Wahrheit zu prüfen, weitgehend erfüllen.


Transzendentale Logik - Transzendentale Wahrheit

Die transzendentale Logik wäre damit tatsächlich eine Logik der Wahrheit: transzendentaler Wahrheit. Eine Erkenntnis, die ihr widerspräche, hätte keinen Bezug zum Objekt, also gar keine Wahrheitsmöglichkeit und könnte von daher nicht einmal falsch genannt werden. Denn selbst eine falsche Erkenntnis setzt voraus, dass sie sich auf etwas in der Anschauung bezieht. Alle Beziehung auf ein Objekt verlieren, hieße eben auch, alle Wahrheit verlieren. 
Die transzendentale Logik kann zwar, nach Kant, grundsätzlich über die Möglichkeit von Wahrheit Aussagen machen, die empirische Wahrheit jedoch, die Ausgangspunkt seiner Fragestellung war, wird dadurch auch nicht berührt.
Empirische Wahrheit kann weder formallogisch noch transzendentallogisch begründet oder gar gewährleistet werden. Zur empirischen Wahrheit gehört empirische Erfahrung, „welche doch einzig und allein uns die Materie (Objekte) an die Hand geben kann, worauf jene reinen Verstandesbegriffe angewandt werden können“. (B 87f)

Die transzendentale Logik kann die eingangs gestellte Frage nach der Wahrheit zwar auch nicht lösen, sie kann aber, so Kant, dem Menschen die Grenzen seines Wissens markieren und zumindest innerhalb dieser Grenzen die Möglichkeit wahrer Erkenntnis gewährleisten. Der Mensch muss akzeptieren, dass er als endliches Wesen nur über endliches Denken verfügt. Wahrheit kann nicht durch „hyperphysischen Gebrauch des Verstandes“ in irgendeiner Transzendenz gefunden werden, sondern sie kann nur als transzendentale Wahrheit die Bedingungen für mögliche wahre Erkenntnis von Gegenständen aufweisen.

                                                          Maria Reinecke, Berlin   www.maria-reinecke.de