Samstag, 6. Oktober 2012

Logischer Empirismus, Tarski, Wahrheit im Schnee, Metaphysik



                                                Maria Reinecke, Berlin



I.   Der Logische Empirismus und die Frage nach der Wahrheit

      1. Was der Logische Empirismus aus der Wahrheitsfrage macht.

      2. Tarskis semantischer Lösungsversuch der Wahrheitsproblematik innerhalb der Logik.

II.  "Wahrheit im Schnee" - Eine kleine Geschichte (M.R.)

III. Was ist Metaphysik - und wozu soll sie nützlich sein?



I. Der Logische Empirismus

Teil 1: Was der Logische Empirismus aus der Wahrheitsfrage macht

Der Logische Empirismus (Wiener Kreis um 1930) lehnt metaphysische Fragestellungen, Aussagen, Begrifflichkeiten ab, verwirft sie insgesamt als verzichtbaren Unsinn. Rudolf Carnap, der als der begabteste und originellste Angehörige des Kreises gilt (Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie)  illustriert seine Überzeugung in einem Gedankenspiel mit dem Wort „babig“, indem er die Dinge in „babige“ und "nicht-babige“ einteilt; fragt nun jemand, was er damit meine, könne er das natürlich nicht beantworten, denn es handle sich um ein sinnloses Wort;  genau so verhielte es sich mit metaphysischen Begrifflichkeiten, die weder logisch  begründbar seien noch einen bewährten Erfahrungswert hätten, meint Carnap. In Anlehnung an die Mathematik und die empirischen Einzeldisziplinen der Naturwissenschaften fordert er daher auch für die Philosophie eine Wissenschaftslogik, in der nur Semantik und Überprüfbarkeit, Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit von Aussagen gelten. Es sollen nur intersubjektive, nachprüfbare Aussagen verwendet werden; Begriffe sollen allgemein verständlich sein, Sprache insgesamt soll exakt formuliert werden, Mehrdeutigkeiten vermieden werden.
Um den vielschichtigen, letztlich metaphysischen Wahrheitsbegriff kommen jedoch auch die Logischen Empiristen nicht ganz herum. Der polnische Mathematiker und Logiker Alfred Tarski bietet ihnen den gewünschten Wahrheitsbegriff in seiner semantischen Konzeption der Wahrheit. Darin entledigt sich Tarski der ganzen Wahrheits-Problematik, indem er das Prädikat „wahr“ nur auf Aussagen bezieht, nicht auf „psychologische Phänomene wie Urteile oder Überzeugungen“ (Tarski). Er betont dabei zwar den Zusammenhang seiner Auffassung von dem Begriff „wahr“ mit der klassischen aristotelischen Konzeption der Wahrheit, die da lautet: „Von etwas, das ist, zu sagen, dass es nicht ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es ist, ist falsch – während von etwas, das ist, zu sagen, dass es ist, oder von etwas, das nicht ist, zu sagen, dass es nicht ist, wahr ist“*) - verwirft sie aber als zu vage.

*)Hier liegt der Grundstein für den korrespondenz-theoretischen Ansatz, dass die Wahrheit einer Aussage in ihrer Übereinstimmung mit der Wirklichkeit besteht oder dass eine Aussage wahr ist, wenn sie einen existierenden Sachverhalt bezeichnet.



Teil 2: Tarskis semantischer Lösungsversuch der Wahrheitsproblematik innerhalb der Logik

Durch die Einführung einer formalisierten Sprache mit strikter Trennung von Objekt- und Metasprache entwirft Tarski eine neue, eindeutige, unmissverständliche Formulierung des Begriffs „wahr“.
Er geht z.B. von der einfachen Aussage aus: „Schnee ist weiß“ und fragt: "Ist diese Aussage wahr?"
Da nach Tarski das Prädikat „wahr“ nur auf Aussagen angewendet werden kann (und nicht auf Urteile und Überzeugungen), Aussagen aber immer auf eine bestimmte Sprache bezogen sind, der sog. Objektsprache, bedarf es einer Metasprache, um die Beziehung zu einer ausgesagten Tatsache herzustellen. Die Objektsprache ist dabei die Sprache, über die gesprochen wird, und die Metasprache ist die Sprache, mit der über die Objektsprache gesprochen wird.
 

So entwickelt Tarski eine metasprachliche logische Äquivalenz, bei der die Aussage, auf die sich das Wahrheitsprädikat bezieht, auf der rechten Seite steht und der Name der Aussage in Anführungszeichen auf der linken Seite; denn das als "wahr" zu Bezeichnende muss grammatikalisch Subjekt des Satzes sein und als Substantiv bzw. als Name auftreten, da mit der Aussage selber keine Aussage gemacht werden kann, nur mit dem Namen der Aussage. Ferner muss der allgemein logische Term „genau dann wenn“ darin vorkommen. Es entsteht also die Äquivalenz:                
                     Die Aussage „Schnee ist weiß“ ist wahr genau dann wenn Schnee weiß ist.
Verallgemeinert hieße das, wenn für die Aussage, dass Schnee weiß ist p steht und für den Namen der Aussage X:
                                        (T) X ist wahr genau dann wenn p,
d.h. alle Äquivalenzen der Form (T) können behauptet werden und folgen aus ihr. 

Es handelt sich um eine angemessene Definition des Terms „wahr“ – nicht im allgemeinen Sinn, sondern jeweils durch Ersetzen von p und X durch bestimmte Aussagen bzw. Namen der Aussagen nur um Teil-Definitionen. Eine allgemeine Definition von „wahr“ wäre nach Tarski eine logische Konjunktion aller einzelnen Definitionen, also unendlich vieler Aussagen. (Die „Diallele der Unbestimmtheit“, wie Kant sie in seiner Transzendentalen Logik erwähnt, würde hierbei umgangen werden)

Tatsächlich gewährleistet die Äquivalenz der Form (T) eine antinomienfreie Handhabung des Prädikats „wahr“. Die Frage nach inhaltlicher Wahrheit wird dabei natürlich nicht einmal berührt. Ob Schnee wirklich weiß ist, interessiert Tarski nicht. In seinen eigenen kritischen Bemerkungen geht er auf diesen Einwand ein: „In Wirklichkeit impliziert die semantische Definition der Wahrheit keine Bedingungen, unter denen eine Aussage wie ‚Schnee ist weiß’ behauptet werden kann.“ In der Äquivalenz macht das konditionale "wenn p" auch deutlich, dass der eigentliche Wahrheitsanspruch umgangen wird, denn es heißt ja nicht „dass p“.

Gemäß Kant zeigt Tarski „Klugheit und Einsicht“, wenn er als Logiker die Frage nach objektiver Wahrheit einer Aussage gar nicht erst stellt, sondern sich darauf beschränkt, der Wissenschaft durch seine semantische Konzeption einen problemlosen, formalen Gebrauch des Prädikats „wahr“ zu ermöglichen.
Mit Recht nimmt Tarski sogar an, dass auch Aristoteles seiner Form der Äquivalenz zugestimmt hätte. 
Doch was hätte Aristoteles wohl zu dem Satz gesagt: 
                         Die Aussage „Schnee ist rot“ ist wahr genau dann wenn Schnee rot ist? 
Ob er trotz der logischen Eindeutigkeit nicht doch nach den Ursachen des Rots im Schnee gefragt, geforscht hätte? Für Tarski ist das kein Problem, egal, ob der Schnee durch Blut oder Ketchup rot verfärbt ist oder bläulich im Reklamelicht glänzt. Für ihn gilt nur der Satz als „Laut- oder Schriftgebilde, nicht dessen Sinn, das Urteil“, sagt Tugendhat in seinem Aufsatz „Tarskis semantische Definition der Wahrheit“, 1960.

Aber was ist denn nun mit der Wahrheit?

Wart's ab. Für heute erst einmal Schluss.



II. "Wahrheit im Schnee" - eine kleine Geschichte (M.R.)

Es schneit. Und schneit. Märchenhaft. Tage, an denen die Welt verzaubert scheint. Anne und Marie gehen mit dem kleinen Johannes im Tiergarten spazieren. Heerscharen von Schneeflocken taumeln aus den schweren Wolken herab, kommen grau aus dem milchigen Himmel angeflogen, legen sich blendend weiß auf alles, was dunkel ist; machen still, was sonst zu laut.
"Ich liebe Schnee!", ruft Anne begeistert aus und lässt sich in die sanfte Masse hineinfallen, Arme und Beine weit von sich gestreckt, die Augen geschlossen; dicke Flocken bedecken ihr Gesicht, zergehen auf ihren Lippen.
„Du wirst ja ganz nass“, sagt Marie.
„Ach, Marie!... Wenn auch nichts auf dieser Welt wahr ist, Schnee ist weiß: das ist wenigstens wahr, nicht wahr?“, seufzt Anne, greift in die glitzernde Pracht neben sich, reibt sich Stirn und Wangen damit ein.
„Gar nicht so einfach, die Sache mit der Wahrheit, nicht einmal mit der des Schnees“, erwidert Marie lächelnd.
"Du meinst, es gibt keine Wahrheit?“ Anne steht langsam auf, schüttelt den Schnee von den Sachen.
"Die Wahrheitsfrage führt auf jeden Fall zu erkenntnistheoretischen Problemen, die ziemlich unbequem sind", antwortet Marie, hakt sich bei der Freundin ein und beginnt von den Wiener Philosophen zu erzählen, die in den Dreißiger Jahren jegliche Beschäftigung mit metaphysischen Fragen als verzichtbaren Unsinn verwarfen. "Um die Wahrheitsfrage kamen jedoch auch diese Herren nicht ganz herum; immerhin mussten sie der Königin der Logik  über ein semantisches Hintertreppchen doch noch irgendwie Einlass gewähren in die philosophischen Hallen."
Anne bleibt stehen. “Ich versteh’ das nicht. Schnee ist weiß, wo ist das Problem?“
"Ob Schnee weiß ist, interessiert diese modernen Empiristen gar nicht; für sie gilt nur eine widerspruchsfreie, klare Definition."
"Aber ‚Schnee ist weiß’ ist doch klar und widerspruchsfrei“, murmelt Anne vor sich hin und versucht, mit einem Schneeball die Laterne zu treffen.
"Nein, eine formal unantastbare Aussage entsteht erst durch einen meta-sprachlichen Trick, indem es heißt: Die Aussage 'Schnee ist weiß' ist wahr genau dann WENN Schnee weiß ist. Ob Schnee wirklich weiß ist, spielt dabei gar keine Rolle...“
Der kleine Johannes kommt mit seinem Schlitten angerannt, wirft sich in Maries Arme:
„Mama, Mama, der Schnee macht alles gaaanz weiß!“
Die Freundinnen lachen, nehmen Johannes in die Mitte und laufen mit ihm querfeldein durch den weißen, glitzernden, schneeweißen Schnee...   (Maria Reinecke, Berlin, www.maria-reinecke.de)





III.  Was ist Metaphysik - und wozu soll sie nützlich sein?

Die Metaphysikfeindlichkeit der Logischen Empiristen oder Positivisten oder wie die auch immer genannt werden, hast du nun genügend zum Ausdruck gebracht. Ich habe auch einigermaßen verstanden, dass der Tarskische Wahrheitsbegriff, so absurd er mir zunächst erschien, rein logisch seine Funktion offenbar voll erfüllt; aber was ist nun eigentlich mit der Metaphysik? Dir scheint Metaphysik ja  wichtig zu sein. Warum? Und was ist Metaphysik eigentlich?

Ich glaube tatsächlich, dass die Beschäftigung mit metaphysischen Fragen keine eitle intellektuelle Spielerei ist, sondern gebotene Disziplin des Denkens. Wie wir über das Leben, den Menschen, die Natur, über „Gott und die Welt“ denken, so leben wir auch. Unsere allgemeinen, vorgefassten Grundannahmen, unsere  (Welt-)Anschauungen - auch wenn jene uns nicht immer bewusst sind - beeinflussen unser ganzes Leben, bestimmen unsere Vorstellungen, Empfindungen, Wahrnehmungen, ja verhindern oder ermöglichen überhaupt erst das Zulassen, Gewahrwerden und Ernstnehmen bestimmter Wahrnehmungen, im Großen und im Kleinen: wir sehen, nehmen wahr, anerkennen letztlich nur, was wir bereits erwarten und zu wissen meinen; wir glauben, hoffen, sehnen uns letztlich nur nach dem, was wir im Vorfeld gewillt sind zuzulassen, zu akzeptieren, für möglich zu halten. 

Es lohnt sich, unsere still schweigend gemachten Grundannahmen immer wieder neu zu überdenken, zu überprüfen. Das geht nur auf Meta-Ebene. Darum Metaphysik.
Eine kleine Geschichte dazu:

"...Es war einmal ein Physiker, der die Welt gewissenhaft auf physikalische Weise zu erforschen suchte. Da geschah es eines schönen Sommertages, dass dieser ernsthafte und kluge Mann in seinem Garten stand, für Augenblicke nur da stand, und atmete und schaute. Der laue Wind strich ihm sanft über die Haut, die Blumen veräußerten verschwenderisch ihren Duft, schwelgten in ihrer Farbenpracht, die Vögel jubilierten, die Insekten schwirrten, summten um ihn herum, und das Ganze kam ihm vor wie ein einziger Tanz des gesamten Universums.
Der Wissenschaftler schloss die Augen. Die Zeit stand still, die Grenze zwischen ihm und dem, was ihn umgab, verschwamm, er hatte das Empfinden, eingebunden zu sein in einen überall wirkenden Zusammenhang, eins zu sein mit dem Kosmos!
Der kluge Mann hatte Ähnliches nur von Mystikern gehört.
-Was habe ich mit einem Mystiker zu tun?, dachte er bestürzt und fuhr fort, noch ernsthafter und gewissenhafter über alles nachzudenken. Und er kam zu dem Schluss, dass das, was er erlebt hatte, so in Wirklichkeit nicht sein konnte: es gab weder Licht noch Farben, weder Gerüche noch Vogelgesang; die ganze empfundene Welt existierte nur scheinbar. Stattdessen war die Erde bevölkert mit wenigen Elementen, die sich schwarz, kalt und lautlos bewegten und in eigenartiger Abhängigkeit voneinander standen, mal in flüchtiger, mal in fester Verbindung, an bestimmten Stellen mehr oder weniger zusammenhängend..., ja, davon war er jetzt überzeugt und schrieb ein neues Buch..." (aus dem Roman Das Leben liegt in den Zwischenräumen, Maria Reinecke, Aachen 2006) 

Der Physiker Ernst Mach, (1838 - 1916 ) schildert in seinem Werk „Analyse der Empfindung“ Ähnliches.  Er konnte aber das überwältigende, seine gesamten Erfahrungen sprengende Erlebnis mit seinem engen, materialistischen Weltbild nicht in Einklang bringen, es nicht einordnen; so hat ihn das Erlebte zwar bewegt, im Nachhinein auch sein Denken verändert, aber m.E. unzureichend...

Was Metaphysik nun eigentlich ist, vertagen wir auf morgen, okay?
Doch bevor Du gehst,  noch schnell ein Zitat von W. Heisenberg in diesem Zusammenhang. Er sagt:
"Mit der Forderung (der Positivisten oder Logischen Empiriker), äußerste Klarheit in allen Begriffen anzustreben, kann ich mich natürlich einverstanden erklären; aber das Verbot, über die allgemeineren 

Fragen nachzudenken, weil es dort keine in diesem Sinne klaren Begriffe gebe, will mir nicht einleuchten; denn bei einem solchen Verbot könnte man auch die Quantentheorie nicht verstehen." (Der Teil und das Ganze - Gespräche im Umkreis der Atomphysik)... 
Mit den "allgemeineren Fragen"  meint  Heisenberg natürlich die grenzüberschreitenden, also metaphysischen Fragen...

Hm..., dann bis morgen also!


Am nächsten Tag:

Was ist  Metaphysik, und wozu soll sie nützlich sein?, fragst du.
Der Begriff Metaphysik kommt bekanntermaßen aus dem Griechischen (meta ta physika) und bezeichnet ursprünglich jene Schriften des Aristoteles, die nach der Physik zu studieren waren. Gemäß Aristoteles sind die zunächst konkret erkennbaren Naturdinge das Physische (das Erkennbare), doch alles Physische basiert nach seiner Auffassung auf etwas Zugrundeliegendem: auf sog. ersten Prinzipien oder letzten Ursachen des Seienden. Darum nennt er seine metaphysischen Schriften "Erste Philosophie" - wobei „meta“ nicht mehr im Sinne von „nach“, sondern von „jenseits“ zu verstehen ist.
Die Metaphysik ist seitdem eine Grunddisziplin der Philosophie, in der alle großen Bereiche und Gesetzlichkeiten der Wirklichkeit thematisiert werden und das Unveränderliche, Bleibende im Wechsel der Erscheinungen gesucht wird. 
Eine grobe Übersicht darüber, was überhaupt zur Metaphysik gehört, kann Orientierungshilfe sein: (nach Schischkoff)

1.
Die Metaphysik gliedert sich in die Lehre vom/von der:
-Sein (Ontologie)
-Wesen der Welt (Kosmologie)
-Menschen (philosophische Anthropologie, Existenz-Philosophie)
-Existenz und dem Wesen Gottes (Theologie)

2.
Man unterscheidet 
- Spekulative Metaphysik: Deutung und Herleitung der gesamten Wirklichkeit aus einem obersten allgemeinen Grundsatz, Prinzip und
-  Induktive Metaphysik: Zusammenschau der Ergebnisse aller Einzelwissenschaften zu einem Weltbild.

3.
Durch das platonisch geprägte Christentum entstand 
die Metaphysik eines gegenständlichen Dualismus zwischen:
- Diesseits und Jenseits,
- Immanenz und Transzendenz,
- bloß sinnlichem Dasein ("Erscheinung" nach Kant) und wahrem Sein ("Ding an sich" nach Kant) 

und 
die Metaphysik eines erkenntnismäßigen Dualismus zwischen:
- bloß sinnlicher Wahrnehmung (durch die keine reine Erkenntnis gewonnen werden kann) und reinem Denken bzw. Erkennen aus der Vernunft.

Nicht gerade prickelnd, so eine Übersicht.

Vielleicht sind noch einige Anmerkungen hilfreich:

- Die spekulative Metaphysik versucht seit der Spätantike, das wahre Sein, also Gott, aus reiner Vernunft zu erklären, zu erkennen. 

- Kant spricht in seiner "Kritik der reinen Vernunft" (1781) dem bloß spekulativ-konstruktiven Denken jede Fähigkeit wirklicher Erkenntnis ab.

- Seit Kant wachsende Metaphysikfeindlichkeit bis hin zum Positivismus („Logischer Empirismus“ oder „Wiener Kreis“ um 1930), der erklärt, dass jede Art von Metaphysik verzichtbarer Unsinn sei. 

- Seit dem 20. Jahrhundert Rückwendung zur Induktiven Metaphysik, d.h.: (natur)wissenschaftliche Erkenntnisse aus allen Bereichen ermöglichen eine neue, erweiterte Sicht der Wirklichkeit. Es entstehen moderne Kosmologien, Versuche einheitlicher, widerspruchsfreier Weltbilder, allen voran die Prozess-Philosophie des Mathematikers, Physikers und Philosophen A. N. Whitehead (1861-1947).


Immerhin wird deutlich, dass Kant in dieser ganzen Angelegenheit eine wichtige Rolle spielt. Darüber würde ich gern mehr wissen.

Ja, ohne Kant geht in der Tat gar nichts. Ich erinnere mich an den Philosophie-Professor an der TU Berlin, der sein Kant-Seminar schmunzelnd mit dem Spruch eröffnete: "Man kann gegen Kant philosophieren, und man kann für Kant philosophieren, aber man kann nicht ohne Kant philosophieren..." 
Für Kant brauchen wir allerdings mehr Ruhe. Vorab noch ein Wort zur Induktiven Metaphysik:
Man könnte sie als ein rationales Fundament bezeichnen, als eine Art Hintergrundsfolie, auf der allgemein nachvollziehbare Aussagen über spezielle Erfahrungen formuliert werden können. Eine „brauchbare“ Metaphysik müsste die mögliche Grundlage für eine adäquate, kohärente, schlüssige Betrachtung der gesamten Wirklichkeit liefern: Erfahrungen aus allen für den Menschen relevanten Bereichen müssten so reflektiert werden können, dass sie weder aus dem Denken der Zeit herausfallen noch im Widerspruch zu ihr stehen.
Ohne einen rationalen, kohärenten, Einheit stiftenden „Meta-Gesamtzusammenhang“ besteht die Gefahr, dass wir uns in der Anhäufung von beliebigem, detailliertem, spezifiziertem, aus dem Zusammenhang gerissenen Faktenwissen verlieren und in Ideologien, Irrationalismen oder eine Diktatur des Relativismus abgleiten.
Was sich seit Kant Aufklärung nennt, sei letztlich ein Prozess der Demarkation. Die Vernunft grenzte sich selber ein und anderes aus, zog sich auf vermeintlich festes Terrain zurück - bei Kant in die Erkenntnismöglichkeit auf in Raum und Zeit anschaubare Gegenstände - und produzierte so durch ihren Rückzug zugleich ihr Irrationales, sagen G. u. H. Böhme in Das Andere der Vernunft.
Ein derart verengter Vernunft- und Wissenschaftsbegriff, der den Kulturbetrieb immer noch weitgehend bestimmt, wird weder der Wirklichkeit noch dem Menschen in seiner existenziellen Bedürftigkeit und Ganzheitlichkeit gerecht, geht an der Bedeutsamkeit von Leben, Lebendigem vorbei...

Genug, ich muss jetzt gehen. Vielleicht sehen wir uns ja noch, bevor Du gen Süden ziehst...? 

Ganz bestimmt.  

Ich sehe gerade, dass du Kant und seine Frage nach der Wahrheit doch schon gepostet hast. Super. Ich werde mir das über's Wochenende mal anschauen. Immerhin habe ich mir vor Wochen  schon die KrV gekauft und einige von Kants schrecklichen Begriffen gelernt: Prinzipien a priorisynthetische Urteile a priori und a posteriori, hm, so in etwa...

Na dann, viel Spaß. Bis bald wieder!

Fortsetzung: 
Die Wahrheitsfrage bei Kant (s. nächstes Post unten)


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