Dienstag, 28. Juli 2015




Wahrheit im Schnee

Eine kleine Geschichte von Maria Reinecke

in Zusammenhang mit Post 'Logischer Empirismus' und 'Tarskis Wahrheitsbegriff'


 
Es schneit. Und schneit. Märchenhaft. Tage, an denen die Welt verzaubert scheint. Anne und Marie gehen mit dem kleinen Johannes im Tiergarten spazieren. Heerscharen von Schneeflocken taumeln aus den schweren Wolken herab, kommen grau aus dem milchigen Himmel angeflogen, legen sich blendend weiß auf alles, was dunkel ist; machen still, was sonst zu laut.
"Ich liebe Schnee!", ruft Anne begeistert aus und lässt sich in die sanfte Masse hineinfallen, Arme und Beine weit von sich gestreckt, die Augen geschlossen; dicke Flocken bedecken ihr Gesicht, zergehen auf ihren Lippen.
„Du wirst ja ganz nass“, sagt Marie.
„Ach, Marie!... Wenn auch nichts auf dieser Welt wahr ist, Schnee ist weiß: das ist wenigstens wahr, nicht wahr?“, seufzt Anne, greift in die glitzernde Pracht neben sich, reibt sich Stirn und Wangen damit ein.
„Gar nicht so einfach, die Sache mit der Wahrheit, nicht einmal mit der des Schnees“, erwidert Marie lächelnd.
"Du meinst, es gibt keine Wahrheit?“ Anne steht langsam auf, schüttelt den Schnee von ihren Sachen.
"Die Wahrheitsfrage führt auf jeden Fall zu erkenntnistheoretischen Problemen, die ziemlich unbequem sind", antwortet Marie, hakt sich bei der Freundin ein und beginnt von den Wiener Philosophen zu erzählen, die in den Dreißiger Jahren jegliche Beschäftigung mit metaphysischen Fragen als verzichtbaren Unsinn verwarfen. 

"Um die Wahrheitsfrage kamen jedoch auch diese Herren nicht ganz herum; immerhin mussten sie der Königin der Logik  über ein semantisches Hintertreppchen doch noch irgendwie Einlass gewähren in die philosophischen Hallen."
Anne bleibt stehen. 

“Ich versteh’ das nicht. Schnee ist weiß, wo ist das Problem?“
"Ob Schnee weiß ist, interessiert die modernen Empiristen gar nicht; für sie gilt nur eine widerspruchsfreie, klare Definition."
"Aber ‚Schnee ist weiß’ ist doch klar und widerspruchsfrei“, murmelt Anne vor sich hin und versucht, mit einem Schneeball die Laterne zu treffen.
"Nein", Maria lächelt, "eine formal unantastbare Aussage entsteht erst durch einen meta-sprachlichen Trick, so dass es heißt: Die Aussage 'Schnee ist weiß' ist wahr genau dann WENN Schnee weiß ist. Ob Schnee aber wirklich weiß ist, spielt dabei keine Rolle...“
Der kleine Johannes kommt mit seinem Schlitten angerannt, wirft sich in Maries Arme und jubelt:
„Mama, Mama, der Schnee macht alles gaaanz weiß!“
Die Freundinnen lachen, nehmen Johannes in die Mitte und laufen mit ihm querfeldein durch den weißen, glitzernden, schneeweißen Schnee.


Maria Reinecke, Berlin 2009
www.maria-reinecke.de